Büro der Zukunft: Almhütte oder doch Bibliothek?

von in Arbeitsleben, HR am Freitag, 20. Januar 2012 um 13:02

Manager, die mit Jeans im Büro auf einer Rutsche von einem Stockwerk ins nächste sausen; Geschäftsleute im Business-Look, die vor einer Bergkulisse auf einer Holzbank verhandeln – das ist keine Utopie, in Wien gibt es diese Büros bereits. Sie zeigen, was die Zukunft der Arbeit bringen wird. Und lassen bei all jenen, die Tag für Tag ins 08/15-Großraumbüro pilgern Neid aufkommen.

Ein Gastartikel von Claudia Pichler

Papierlos, selbst denkend und mobil – was ist uns nicht schon alles als Büro der Zukunft verkauft worden! Ständig treten irgendwelche Zukunftsforscher im Fernsehen auf und prophezeien uns die Trends des Jahres 2030. Gewagt, gewagt! Doch um abzulesen, wie wir in den nächsten zehn, zwanzig Jahren arbeiten werden, braucht man diese Vorhersager gar nicht, es reicht ein Blick in die visionären Büros von heute – und es wird einem staunend der Mund offen bleiben.

Zum Beispiel geht man in die Wiener Lehargasse. Nur wenige Schritte vom Theater an der Wien entfernt, hat sich dort ein Büroberater mit dem Namen teamgnesda niedergelassen. Das Spezielle: jeder Raum hat ein eigenes Konzept, einer sieht aus wie ein englisches Clubzimmer in einer altehrwürdigen Bibliothek, schwere grüne Lederfauteuils stehen vor dem Kamin, das andere wie ein schickes Kaffeehaus inklusive stylischer Küche. Das nächste Zimmer hat wieder einen vollkommen anderen Look. Als Besucher will man gleich weiter um zu entdecken, was da noch kommt. Aber warum macht man als Firma so etwas?

Raum für Wissensarbeiter

„Wir haben damit auf die Veränderungen der Art der Arbeit reagiert“, erklärt Andreas Gnesda, Geschäftsführer und Inhaber des Unternehmens. „Wir leben ja in einer Wissensgesellschaft. Da geht es nicht darum, dass Menschen im Büro ihre Zeit absitzen.“ Wer hier arbeitet ist meist ohnehin viel unterwegs und wenn er ins Büro kommt, dann kann er sich einen Platz aussuchen, je nachdem wonach im gerade der Sinn steht: Die Bibliothek lockt mit Inspiration, der Projektraum regt zum Improvisieren und konzentrierten Arbeiten an, Essensstimmung und Kommunikation gibt’s im Kaffee, Weitblick und Visionen holt man sich am besten in dem Raum, der einem eine 360 Grad Gipfelsicht auf die umliegende Berglandschaft (zumindest auf der Tapete) ermöglicht.

Der Unterschied zum reinen Desksharing in grauen Standardbüros ist klar: Es gibt Abwechslung und Selbstbestimmtheit. 73 Prozent der arbeitenden Europäer gaben in einer Untersuchung an, eine höhere Lebensqualität zu haben, wenn sie flexibler arbeiten könnten.

Höhere Flächeneffizienz

Durch Maßnahmen wie die Raumvielfalt soll nicht nur die Produktivität und die Zufriedenheit der Mitarbeiter gesteigert werden, auch Facility Manager dürfen sich freuen. Die für die Effizienz des Gebäudebetriebs Verantwortlichen können ihrem Vorstand mit dem Konzept nämlich eine weit höhere Flächeneffizienz vorweisen – siehe Beispiel Microsoft Österreich. Letzten Sommer wurde das Büro im Wiener Businesspark Euro Plaza vollkommen entkernt und neu ausgebaut. Obwohl die Geschäftsführerin von Microsoft Österreich, Petra Jenner, in den nächsten Jahren mit Expansion und deutlichem Mitarbeiterzuwachs rechnet, ist die Fläche um zwölf Prozent verkleinert worden. Waren es vorher 340 Arbeitsplätze, gibt es nun nur mehr 240. Bei Microsoft ist es nämlich selbstverständlich geworden, dass Mitarbeiter nicht im Haus sein müssen, um zu arbeiten. Über die entsprechende Technik, sind sie miteinander verbunden, die Kommunikation untereinander ist jederzeit möglich.

Babyurlaub für Papas

„Räume sind nur das Abbild einer Unternehmenskultur“, warnt der Büroconsulter Andreas Gnesda. Wer nicht das richtige Verständnis für die modernen Arbeitsprozesse hat, dem bringt ein solches Themenkonzept gar nichts. Wie so oft, muss dies von der Spitze des Unternehmens ausgehen. Die Basis wäre dafür schon bereit, wie aktuelle Studien zeigen. 56 Prozent arbeiten demnach außerhalb ihrer herkömmlichen Büros produktiver. Außerdem könne man zuhause auch zwischendurch mal die Wäsche in die Waschmaschine stecken oder die Kinder vom Kindergarten abholen – lauter Kleinigkeiten die bei fixen Büroarbeitszeiten den Alltag schwierig machen. Unternehmen müssen beginnen, das zu verstehen.

Die Realität sieht allerdings noch ganz anders aus: Je größer die Organisationseinheit, desto unflexibler gestalten sich die Arbeitsbedingungen. Kleinere Unternehmen können auf mobile Arbeitsbedingungen und flexible Arbeitszeiten besser reagieren, als Betriebe mit mehr als 500 Mitarbeitern, ergab eine Studie unter 1.500 Angestellten in 15 europäischen Ländern.  In großen Unternehmen verbringen Mitarbeiter ihre Überstunden zu 80 Prozent im Office, bei KMU sind das nur 61 Prozent. Microsoft Österreich hat offensichtlich den Sprung zum modern denkenden Unternehmen offensichtlich verstanden. Dort bekommen selbst männliche Mitarbeiter, wenn sie gerade Vater geworden sind, zwei Wochen bezahlten Urlaub.

Flexibilität ist Muss

Für moderne Büroimmobilien gilt ohnehin, dass sie so flexibel wie möglich gebaut werden. Immer häufiger bilden sich neue Projektteams, mal wird expandiert, dann fusioniert, es kommt zu Trennungen etc. Da müssen die Räume mitspielen! Mit genau dem gleichen Prinzip arbeitet auch das Zukunftskonzept von Microsoft: Natürlich kommen die Mitarbeiter auch in die Büros, sie wollen sich ja auch treffen. Aber mal sind es große Projektgruppen, bei denen 20 Personen zwei Monate lang immer wieder Meetings abhalten. Hierfür kann etwa auch ein Raum für längere Zeit gebucht werden. Ein anderes Projekt erfordert hingegen vielleicht viele kleine Teams – sie können sich individuell verabreden und in der Lounge treffen. So werden die Kommunikationszonen zum Um und Auf im Büro der Zukunft. Microsoft hat hierfür neben einem Zimmer ganz aus Holz auch die Themen Zen Asia, türkischer Bazar und Kunstgalerie für diese Räume gewählt. Im Übrigen verbindet eine Rutsche – wie am Spielplatz – die beiden Ebenen des Büros. Für größere Schulungen oder Präsentationen richtete das IT-Unternehmen ein eigenes Auditorium, das mehr an ein lässiges Kino als an einen Uni-Hörsaal erinnert, ein.

Belehren lassen will man sich als moderner Wissensarbeiter nämlich nicht. „Der Arbeitsplatz soll nicht mehr den Mitarbeitern ihre Arbeitsbedingungen diktieren – wir als Mitarbeiter gestalten den Arbeitsplatz und werden ihn in Zukunft als Treffpunkt und Kommunikationszentrum wahrnehmen“, gibt Petra Jenner die Parole aus. Daran werden sich wohl auch die Zukunftsforscher orientieren müssen.

Autorin:
Claudia Pichler ist Marketingverantwortliche bei bareal Immobilientreuhand GmbH – Büro Wien.

Bildnachweis: BAR

Redaktion

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