BILDUNGSKARENZ – Selbstfindungstick oder Karrierekick?

von in Arbeitsrecht, HR am Montag, 25. Juli 2011 um 12:36

Die einen tun es, weil die Wirtschaftskrise ihre Arbeitgeber noch fest in ihren Klauen hat. Die anderen wollen es, weil sie der Drang ereilt, ihren Lebenslauf aufzufetten. Gruppe drei besteht möglicherweise aus WiederholungstäterInnen. Team vier hatte möglicherweise eine Erleuchtung. Die Rede ist davon, eine Auszeitreise in Form einer Bildungskarenz anzutreten. Egal ob erst mal im Kopf, oder aktiv mit dem Rucksack am Rücken und dem Buch in der Hand. Unterstützung findet man beim Partner, beim Chef oder beim AMS. Allerdings sollten Sie bei diesem Schritt schon wissen, welche Destination am Ende des Weges liegt.

Dieser Gastartikel von Rita Obergeschwandner unterstützt Sie bei einer Entscheidungsfindung. Er liefert Hardfacts zum Thema, Erfahrungswerte von Auszeitreisenden und Buchtipps zum Träumen.

Zeit für eine Auszeit

Jeder arbeitende Bürger kann sich für eine Weiterbildung – etwa in Form einer Bildungskarenz – freistellen lassen – falls er einer ununterbrochenen Beschäftigung von 6 Monaten nachgegangen ist. Die Freistellung muss zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vereinbart werden und kann mindestens zwei Monate oder maximal ein Jahr dauern. „Verbraucht“ werden muss diese Form der Karenz innerhalb von vier Jahren. Das Einkommen in der Bildungskarenz, sprich das „Weiterbildungsgeld“, ist so hoch wie das Arbeitslosengeld auf das Sie Anspruch hätten. Zusätzlich darf man geringfügig dazuverdienen, dass sind € 374,02.- brutto.

Im Rahmen Ihrer Bildungskarenz sind sie kranken-, unfall- und pensionsversichert. Es besteht kein gesetzlicher Kündigungsschutz. Mehr Informationen dazu gibt es bei der Arbeiterkammer.

Mag. Hermann Gössinger, Pressereferent AMS Steiermark, zu Bildungskarenzfragen im O-Ton

 

Wer kann Bildungskarenz beantragen?

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Wer nutzt die Bildungskarenz?

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Was muss man tun?

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Trend zur Karenz

„2009 und 2010 hatten wir einen unglaublichen Boom in Richtung Bildungskarenz … zum Beispiel im Jänner 2010 hatten wir 312 Anträge auf Weiterbildungsgeld, im Jänner 2011 waren es nur mehr 125, das ist das Normalmaß … durchschnittlich haben wir ungefähr 120 bis unter 100 manchmal 150 Anträge pro Monat“, beschreibt Hermann Gössinger die Lage in der Steiermark. Der Anstieg in den Jahren 2009 und 2010 lässt sich durch die Wirtschaftskrise erklären. Die Kleine Zeitung hat darüber berichtet.

Mag. Hermann Gössinger zum Thema Trend zur Karenz: [audio:http://www.karriere.at/files/blog/2011/07/trend-zur-karenz.mp3|titles=Trend zur Karenz]

Wie sage ich es dem Chef?

Definitiv nicht mit einem „Ah, Äh … übrigens“ oder anderen Füllwörtern – Sie müssen genau wissen was Sie sagen, wie Sie argumentieren und vor allem wann. Der Kaffeautomat, die Jausenpause oder die Minuten vor einem wichtigen Meeting sind wohl weder der richtige Ort noch die richtige Zeit dafür. Bitten Sie Ihre Vorgesetzten um einen Gesprächstermin und schreiten sie gut präpariert ergo informiert zu Tat.

Falls es einen Betriebsrat gibt, informieren Sie sich bei diesem vorab, welche Auszeitregelungen in der Firma üblich sind. Klären Sie Ihren Chef über die Vorteile einer Auszeit auf, über Ihre Ziele und Motivationen. Wichtig: Überlegen Sie sich, wer Ihre Arbeit während Ihrer Auszeit übernehmen könnte. Schlagworte mit denen Sie punkten können sind etwa Horizonterweiterung, kreatives Auftanken oder Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse. Und: Vereinbaren sie eine Rückkehrregelung sofern Sie ihren Job wiederhaben wollen.  

Destination Bildungskarenz: Reiseerfahrungen zweier Bildungskarenzlerinnen

Sabine und Charlotte haben es gewagt – sie befinden sich derzeit in bildungskarenzbedingter Auszeit. „Bildungskarenz ist eine super Gelegenheit, sich über einen längeren Zeitraum und außerhalb des Arbeitsalltags weiterzubilden und neue Perspektiven und Ideen für die Arbeit und den Karriereweg zu bekommen … und seine Persönlichkeit weiterzuentwickeln“, zeigt sich Charlotte T. von der Bildungskarenz begeistert. „Ich kann sie Leuten, die sich mit entsprechendem Elan und Ehrgeiz ihrer Ausbildung widmen wollen, von ganzem Herzen empfehlen“, so Sabine N.

Lesen sie hier die ungekürzten Interviews

Interview Sabine N.

Interview Charlotte T.

Eine Auszeitreise der anderen Art…

…bietet etwa ein unbezahlter Urlaub, den man sich natürlich nur leisten kann, wenn man genug Geld auf der hohen Kante hat. Laut der letzten Statistik Austria-Konsumerhebung benötigen Herr und Frau Österreicher durchschnittlich € 1880.- pro Monat. Daher empfiehlt sich, genau nachzurechnen ob sich ein derartiger Luxus ausgeht, bevor danach das böse Erwachen folgt.

Eine andere Variante der Auszeit ist eine befristete Freistellung. Diese vereinbaren Sie mit dem Arbeitgeber individuell. Sie sparen vor der Auszeit hamstermäßig Überstunden, Urlaub, Urlaubsgeld, Boni und/oder Teile des Gehalts und bezahlen das in ein Arbeits-/Gehaltskonto ein. Oder Sie wandeln Ihren Job in einen Teilzeitstelle um, arbeiten aber vor der Auszeit Vollzeit weiter.

Während Ihrer „Schaffenspause“ wird dann Ihr Teilzeitgehalt ausbezahlt und Sie sind in dieser Zeit sozialversichert. Ein absolutes No-Go ist allerdings, sich minutiöse Stundenpläne zu zimmern – das gehört an den Arbeitsplatz aber nicht in die Auszeit und schadet nur dem Nervenkostüm.

Hot Links zum Thema Bildungskarenz – Broschüren, Artikel, Video
www.arbeiterkammer.at/bilder/d117/AKAktuell_Bildungskarenz.pdf
www.help.gv.at/Content.Node/k17/Seite.171800.html
www.ams.at/001_infoblatt_bildungskarenz.pdf
www.oegsbarrierefrei.at/videotext.asp?cid=42&vid=228 (für Gehörlose)

Für alle die von einer Auszeit im Ausland träumen und darüber lesen wollen

Eat Pray Love von Elizabeth Gilbert
Auszeit – Das Handbuch für Aussteiger von Melanie Pape
Sabbatical – Ausstieg auf Zeit. Eine Abenteuerreise zu sich selbst von Diana Voigt

Zum Thema Bildungskarenz gibt es leider noch keine Befindlichkeitsberichte von namhaften Autoren. Hilfreich sind hier die Infomaterialien von AMS und Arbeiterkammer.

Haben Sie nun Lust bekommen eine Auszeitreise in neue Gefilde anzutreten oder sind Sie schon mittendrin?
Logbucheintragungen, Kommentare und Anregungen sind herzlich willkommen!

Ein Gastartikel von Rita Obergeschwandner
Bildnachweis: luxuz::. / photocase.com

David Kitzmüller

David Kitzmüller ist Marketing-Teamleiter bei karriere.at. Zwischen Werbekampagnen und Performance-Analysen schreibt er in seinen Blogposts über Trends und neueste Entwicklungen in der Webwelt.

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