Bewerbungskiller Schönheit – warum attraktive Bewerber oft das Nachsehen haben

von in Bewerbung, Jobsuche am Dienstag, 14. Dezember 2010 um 12:06

Laufsteg Büro – kann man zu sexy für einen Job sein?“ – eine Frage, die uns schon im August dieses Jahres einmal beschäftigt hat. Zwei aktuelle Studien befassen sich nun wieder mit dem Thema. Und für Gutaussehende sind die Nachrichten eher hässlich. Denn: Wer gut aussieht, hat tendenziell weniger Chancen auf einen Job.

Bis Mitte der 1990er Jahre war sich auch die Wissenschaft noch sicher: Wer gut aussieht, tut sich im Job leichter. Und verdiene auch besser als Menschen mit durchschnittlichen Einkommen. Von „Beauty Premiums“ war damals die Rede, zitierte das „Wirtschaftsblatt“ dieser Tage aus den damaligen Studien. Sogar den Einfluss von weißen Zähnen auf die Höhe des Gehalts wollte man damals festgestellt haben – wenn es stimmt, zahlt sich Zähneputzen immerhin aus: Frauen mit Blendi-Lächeln gingen mit vier Prozent mehr Geld nach Hause als Gelbzahn-Tiger, so die Studie „The Economic Value of Teeth“.

Und heute? Heute ist wieder einmal alles anders. Vor allem attraktive Frauen hätten gewaltige Nachteile beim Bewerben. Daniel Rettig vom hervorragenden, unterhaltsamen Kölner Wissenschafts-Blog „Alltagsforschung“ grub unlängst eine Studie der israelischen Ben Gurion Universität aus: Mit erfundenen Lebensläufen wurden über zwei Jahre Bewerbungen an fiktive Unternehmen geschickt. Pro Geschlecht jeweils einer mit attraktivem Foto, einer mit Durchschnittsfoto und einer mit gar keinem Bild. Das seltsame Ergebnis: Die höchsten Rücklaufquoten für ihre Bewerbungen hatten attraktive Männer! Jedes fünfte Schreiben mit schönem Antlitz wurde beantwortet – mehr als doppelt so viele wie Geschlechtsgenossen mit Durchschnitts-Visage.
Hübsche Frauen, die sich mit Foto bewarben, bekamen jedoch auf hundert Bewerbungen nur knappe 13 positiv beantwortet. Um eine mehr dann mit Durchschnittsfoto und am häufigsten, wenn sie gar kein Foto mitschickten (16,6 Prozent). Grund für die häufigen Ablehnungen: Frauen mit gutem Aussehen wird tendenziell weniger zugetraut beziehungsweise unterstellt, sich über ihr gutes Aussehen vermarkten zu wollen.

Wenig überraschend: Männer fliegen auf die attraktivste Bewerberin

„Don’t hate me because I’m beautiful“ lautet der Titel einer weiteren aktuellen Studie, diesmal von der Ludwig Maximilians Universität München. Die Schönheitsforscher Maria Agthe und Matthias Spörrle wiesen nach, dass der Bewerbungserfolg von attraktiven Menschen in erster Linie vom Geschlecht des Personalentscheiders abhängt. Die Forscher ließen fast 2700 Studenten über Bewerber für ein Stipendienprogramm abstimmen. Wenig überraschendes Ergebnis: Mehr als die Hälfte der Männer entschied sich für die attraktivste Bewerberin! Zum (unkommentierten) Vergleich: Nur jede neunte weibliche Test-Entscheiderin wählte auch die hübscheste Bewerberin aus. Und, Klischee lass nach – je durchschnittlicher das Aussehen der Auswählenden selbst war, desto geringer die Bereitschaft, die hübsche Bewerberin auch auszuwählen. Doch auch die gutaussehenden Männer schnitten schlechter ab, sobald sie von Männern beurteilt wurden.

Sind nicht doch die „Brainscripts“ verantwortlich?

Ganz klar: Für die Besetzung bestimmter Positionen hat jeder Mensch seine Brainscripts. Soll heißen: Stellt man sich einen Investmentbanker vor, hat man gleich ein gewisses Bild vor Augen, wie dieser auszusehen hat (Michael Douglas und Charlie Sheen im Börsen-Klassiker „Wall Street“). Dasselbe gilt für eine Managerin (straight geschnittener Hosenanzug oder Kostüm) oder für eine Konzeptionistin einer Werbeagentur (modisch up to date, trotzdem „nichts von der Stange“, tendenziell eher hochpreisig). Und danach werden Bewerber auch ausgesucht. Weil sie eben in ihrem Auftreten schon signalisieren, dass sie für den Job passen.

Interessant wäre es demzufolge auch zu wissen, inwieweit die Ergebnisse nicht doch aufgrund von erwarteten, klischeehaften Branchenmerkmalen, die eben über Strecken auch als „schön“ empfunden werden, getroffen worden sind. Beispiele: Krawatte (Versicherung, Politik, Bank), Gel-Frisur (Börse, Bank, Finanzdienstleister), dicke schwarze Brille (Werbung, Architekt).
Denn dies führt uns zu der Kernfrage schlechthin: Was ist Schönheit? Und wer definiert diese überhaupt?

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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