Betriebliches Gesundheitsmanagement: Viele Unternehmen brauchen Nachhilfe

von in Arbeitsleben, HR am Donnerstag, 10. Juli 2014 um 10:16

Weshalb Österreicher und Deutsche beim Thema Gesundheit im Job anders ticken, hat Psychologe Jochen Prümper gestern im ersten Interviewteil zum Thema Gesundheitsmanagement erklärt. Was ein solches ausmacht, wie man den Nutzen beziffern kann und welche Schwerpunkte künftig gesetzt werden müssen, folgt im zweiten Teil. Dieser zeigt auch auf, weshalb viele Arbeitgeber Nachhilfeunterricht in Sachen Gesundheit brauchen.

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Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger

Dass die Bedeutung der Mitarbeitergesundheit in den Betrieben angekommen ist, konnten Sie in Ihrer Studie nachweisen. Was bedeutet betriebliches Gesundheitsmanagement nun konkret und wie wirkt es sich aus?

Jochen Prümper

Jochen Prümper

Jochen Prümper: Ein ganzheitliches BGM bemüht sich um die gesundheitsförderliche Gestaltung von betrieblichen Strukturen und Prozessen. Grundlagen sind drei Handlungsfelder:

  1. umfassender Arbeitsschutz
  2. betriebliches Eingliederungsmanagement
  3. betriebliche Gesundheitsförderung

Zu einem umfassenden Arbeitsschutz gehört beispielsweise, dass für jeden Arbeitsplatz die an ihm wirkenden Gefährdungen beurteilt werden und dass ermittelt wird, welche Maßnahmen erforderlich sind. Ein betriebliches Eingliederungsmanagement durchzuführen bedeutet beispielsweise, dass Langzeiterkrankten ein systematisches Arbeitsfähigkeitscoaching angeboten wird. Die betriebliche Gesundheitsförderung schließlich umfasst Maßnahmen zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz, wie beispielsweise eine Verbesserung der Arbeitsorganisation und der Arbeitsbedingungen, die Förderung einer aktiven Mitarbeiterbeteiligung oder die Stärkung persönlicher Kompetenzen. Von wachsender Bedeutung sind in diesem Zusammenhang beispielsweise Themen wie Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf und Work-Life-Balance.

Für jeden investierten Euro kommen in Österreich 3,6 Euro zurück

Wie viel kostet Gesundheitsmanagement? Kann man dies beziffern?

Jochen Prümper: Die Frage sollte vielleicht besser lauten: „Wie viel bringt Gesundheitsmanagement an `Return on Invest`, wie viel bringt Gesundheitsmanagement an Rendite?“ Es gibt zu dieser Fragestellung mittlerweile eine Reihe von jüngeren, internationalen Studien, die sich unter der Überschrift „Return on Prevention“ konkret mit den Kosten und Nutzen von Investitionen in den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz beschäftigten. Für die betriebliche Präventionsarbeit in Deutschland ließ sich ein „Return on Prevention“ – ein ROP – in Höhe von 1,6 und für Österreich sogar von 3,6 ermitteln! Das bedeutet, dass für jeden in den betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz investierten Euro im Durchschnitt 3,6 Euro zurückkommen.

Gibt es Branchen, in denen dieser „Return on Prevention“ besonders spürbar ist?

Jochen Prümper: Der positive Einfluss des betrieblichen Gesundheitsmanagements wird international, aber auch in Österreich insbesondere in den Unternehmensbereichen Produktion und Transport am höchsten eingeschätzt. Es gibt aber keine Branche, in der sich die Investitionen im Gesundheitsmanagement nicht gelohnt hätten.

Vom Schwerpunktthema nicht mehr weit entfernt

Hat sich das Bewusstsein der Bedeutung von Gesundheitsmanagement Ihrer Meinung nach verändert?

Nachhilfe Job GesundheitJochen Prümper: Unsere Studie umfasste eine Reihe von Fragen dazu, wie die Unternehmen BGM tatsächlich leben. Sie prüfte aber auch, welchen Stellenwert das BGM in den Organisationen zurzeit einnimmt und – nach Einschätzung der Befragten – in den nächsten fünf und zehn Jahren einnehmen wird. Dabei wurde klar, dass BGM heute – weder in Österreich, noch in Deutschland – ein wirkliches Schwerpunktthema ist. In beiden Ländern geben weniger als die Hälfte der Befragten an, dass sich ihr Unternehmen tatsächlich mit BGM beschäftigt. Aber: unsere Studie zeigt auch, dass die Unternehmen die Zeichen der Zeit – und hierzu zählt insbesondere der demografische Wandel und die dramatische Zunahme psychischer Erkrankungen sowie die kontinuierliche Steigerung der Muskel- und Skeletterkrankungen – erkannt haben und sich professioneller als in der Vergangenheit mit dem Thema beschäftigen wollen. Allerdings – und auch dies zeigt unsere Studie – benötigen viele der befragten Unternehmen noch Impulse und Orientierungspunkte von außen, etwa durch Messen, praxisnahe Fachartikel oder erfahrene BGM-Berater.

Zur Person: Jochen Prümper

Prof. Dr. Jochen Prümper ist Diplom-Psychologe und Professor für Wirtschafts- und Organisationspsychologie in Berlin. Er gilt als einer der führenden Experten zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement und unterstützt seit mehr als zwei Jahrzehnten zahlreiche Betriebe bei der Planung und Umsetzung eines strategischen Gesundheitsmanagements. Insbesondere bekannt sind – auch in Österreich – seine Projekte und entwickelten Verfahren zur Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Und auch bei seinem aktuellen, deutsch-österreichisches Forschungsprojekt BEM-Netz (www.bem-netz.org) zum Thema betriebliches Eingliederungsmanagement/Case-Management, welches er in Zusammenarbeit mit dem Sozialministeriumservice, Landesstellenleitung Oberösterreich durchführt, bleibt er seiner Forschungsdevise treu „Gesundheit kennt keine Grenzen“.

Bildnachweis: Aidar /Quelle Shutterstock, Prümper, g-stockstudio /Quelle Shutterstock,

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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