Berufswahl: „Nicht jeder kann Arzt werden“

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Donnerstag, 19. April 2012 um 10:53

Nicht selten wird schon der erste Schrei eines Babys in Hinblick auf die Eignung für einen späteren Beruf interpretiert. Ist er laut und kräftig – und der Vater Anwalt – heißt es schnell, „der wird einmal ein resoluter Jurist“. Und die Eltern freuen sich. Dass es jedoch nicht immer so einfach ist, wissen die meisten Eltern. Die Arbeitswelt verändert sich und erzeugt nicht selten ein großes Fragezeichen in den Köpfen der Erzeuger. Wie aber können Eltern ihre Sprösslinge bei der Berufswahl unterstützen?

„Am besten wirst du Arzt“

Hilfe kommt nun von der deutschen Karriereexpertin Svenja Hofert. „Ich erhalte immer wieder Anfragen von besorgten Eltern, die nicht wissen, ob und wie sie ihre Kinder optimal in der Berufswahl unterstützen können. Aus meinen Antworten ist jetzt ein Buch geworden, das unter anderem einen Fünf-Stufen-Plan zur richtigen Jobwahl beinhaltet“, so die Wahlhamburgerin. Hinter dem ironisch gemeinten Titel „Am besten wirst du Arzt“ verbirgt sich mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit. Denn der Arztberuf gehört, ebenso wie der Informatiker, zu jenen klassischen Berufen, die Eltern kennen und denen sie Vertrauen entgegenbringen. Jedoch: „Nicht jeder kann Arzt werden.“ Gemäß dem Motto „Der Nachbarssohn hat auch Informatik studiert und einen guten Job“ kursiert viel Halbwissen, das die Angst um die Karriere der eigenen Kinder meist schürt und ausreichende Information über die heutige Jobwelt nicht ersetzen kann.

Karriereexpertin Svenja Hofert

Mysteriöse Berufsbezeichnungen machen Angst

Hofert sieht das größte Problem in mangelndem Wissen über Berufsmöglichkeiten in der sich wandelnden Arbeits- und Karrierewelt. „Das Problem ist, dass die Eltern nicht richtig wissen, was es für Berufe gibt bzw. können sie sich unter Begriffen wie Risk Manager nichts mehr vorstellen. Es ist halt eine ganz andere Arbeitswelt geworden und nicht selten sind Eltern, Kinder und Lehrer ahnungslos.“ Zusätzlich zur Ahnungslosigkeit über die neuen Berufe gesellt sich nicht selten die generelle Sorge über die wirtschaftliche Entwicklung.

Trend in Richtung Technologie und Gesundheit

Grundsätzlich, so Hofert, gibt es wichtige Trends und Veränderungen der Arbeitswelt, die man nicht ignorieren sollte. So gehe die Entwicklung eindeutig in Richtung Technologie und Gesundheit. Davon, sich nur nach einem Trend zu orientieren, ohne auf Persönlichkeit und Interessen zu achten, ist jedoch abzuraten. „Es zeigt sich schon relativ früh, was der Grundcharakter eines Kindes ist, wie die Persönlichkeit ist und wohin sie sich entwickeln wird. Sie rät, früh genug aber nicht zu früh damit zu beginnen, diese Interessen und Begabungen zu fördern.“ Dabei macht es, so Hofert, keinen Sinn, ein siebenjähriges Kind zum Programmier-Genie trimmen zu wollen. Sie rät den Eltern hingegen, sich bei Freunden und im Bekanntenkreis umzuhören und dem Kind die Möglichkeit zu geben, Berufe kennenzulernen bzw. Einblick in die aktuelle Arbeitswelt zu geben. „Das ist je nach Charakter und Reife des Kindes ab einem Alter von elf, zwölf Jahren durchaus sinnvoll.“ Da durch Berufsberatungen in Schulen jedoch nicht alle Bereiche abgedeckt werden, rät Hofert Eltern unbedingt dazu, ihre Kinder bei der Berufswahl zu unterstützen und zu fördern.

Fünf-Stufen-Plan zum richtigen Beruf

Gespräche, am besten mit mehreren Personen, sind der beste Weg, um herauszufinden, was man will. „Heute passieren Neuorientierungen immer früher. Waren es früher 40-Jährige, sind es heute schon Mittzwanziger, die sich beruflich verändern wollen. Das ist völlig ok aber auch schade, weil oft hätte ein Tag intensiver Beschäftigung mit der Berufswahl gereicht, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.“ In ihrem Fünf-Stufen-Plan zeigt die Autorin, mit welchen Fragen nach Persönlichkeit, Interessen, Talenten und Lebensplanung man seinem Kind die Entscheidung erleichtert. Hier ein Einblick in die erste Stufe, der gesamte Stufenplan (für Facebook-Fans von Svenja Hofert) hier zum Download.

Die Zukunft heißt Technik

Ist eine Entscheidung für ein Interessensgebiet da, rät Hofert zu Realismus. Von Sprachen allein würde sie eher abraten, ist jemand aber überzeugt, dass ein Sprachstudium das einzig Richtige ist, sollte eine schlaue Kombination gewählt werden. „Wenn jemand zum Beispiel Übersetzer werden will, rate ich zu einer seltenen Kombination, etwa mit Jus. Das erhöht die Chancen, macht einen spezieller und so auch höhere Gehälter möglich.“ Genauso wenig, wie es nur Ärzte geben kann, kann es nicht auch nur Technik-Genies geben. Da das Thema Innovation jedoch immer wichtiger wird, sollte jeder ein gewisses Grundverständnis an Technik mitbringen. Grundsätzlich, so Hofert, lege die erste Studienwahl das Fundament für später, sollte aber keine zu starke Spezialisierung darstellen.

Popsängerin oder Bewährungshelferin

Fragt man also das nächste Mal ein Kind, was es denn einmal gerne werden will, sollte man aufmerksam zuhören und niemals sagen: „das ist doch nichts“. Vielleicht wissen wir es nur einfach nicht. Hofert selbst hatte als Kind übrigens mehrere Berufswünsche. Popsängerin, Bewährungshelferin und Schriftstellerin. Letzteres hat sie schon mal geschafft.

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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