5 Trends, die unsere Arbeitswelt in der Zukunft verändern

von in HR am Donnerstag, 13. Oktober 2016 um 10:33

Kein Chef, ein konsequentes Du und das Prinzip der Freiwilligkeit – Werte die wir in (naher) Zukunft alle vorfinden werden, wenn wir in die Arbeit gehen? Wenn es nach Jürgen Erbeldinger geht, dann ja. Er beschreitet mit seinem Team der partake AG in Berlin neues Territorium. Bei der karriere.session im Wiener Sofitel hat er von essentiellen Trends der künftigen Arbeitswelt erzählt, die es für Unternehmen jetzt schon zu antizipieren gilt.

Jürgen Erbeldinger macht gerne ein Warm-up – ob bei Präsentationen oder im Unternehmen – „Robbe & Hai“ oder „frenetischer Jubel“ lauten Übungen dazu, deren Name übrigens das hält, was er verspricht. Ziel der Sache: Denkmuster durchbrechen und kreativ werden! Anders arbeiten – genau wie es der Think Tank partake auch als Firmenclaim für sich beansprucht. Auf Erbeldingers Visitenkarte steht „Jürgen Erbeldinger, partake AG“ – absichtlich nicht „Geschäftsführer“ oder „Head of Recruiting“.

Jürgen Erbeldinger

Jürgen Erbeldinger

Warum Erbeldinger mit Fug und Recht von „anders“ sein und arbeiten sprechen kann: Bei partake duzt man sich, es gibt eine Open-Book-Policy (egal, um welche Zahlen es sich handelt – nichts ist geheim!), man verwendet prinzipiell überall den generischen Feminin und es gibt weder Chef noch Teamleiter, sondern „Hopis“ (weibliche Form eines Indianerhäuptlings). Bewerbungsgespräche existieren nicht: Potenzielle neue Mitarbeiter müssen drei Minuten pitchen, dann wird unter der anwesenden Belegschaft ganz informell per Handzeichen entschieden, ob man engagiert ist oder nicht.

Das Prinzip: Die Mitarbeiter machen nur das, wovon sie auch wirklich überzeugt sind.

Klingt unglaublich, ist aber so: Flache Hierarchien und demokratische Prozesse sind hier keine leere Floskel, sondern Arbeitsprinzip, das sehr ernst genommen wird und auch hie und da zu Konflikten führt. Beispielsweise, wenn die Buchhalterin gefragt wird, ob sie heute Lust hat, die Rechnung zu schreiben. „Hat sie keine Lust dazu, ist das kein Kündigungsgrund, sondern eine Anregung umzudenken und die Leistung gegebenenfalls extern einzukaufen“ so Erbeldinger. Auf Teamebene bedeutet das: Für jedes Projekt entscheidet jeder einzelne jedes Mal wieder, ob er das möchte, ob ihm das Team gefällt und was er sich erwartet. Das führt unmittelbar zu sehr direktem Feedback. Er sucht eben Leute mit Haltung und eigener Meinung. Wie die Unternehmensstruktur im Detail funktioniert, erklärt Erbeldinger in diesem Interview:  Arbeiten ohne Chef.

5 x erfolgreicher, aber mehr Fluktuation

Dieses bei partake gelebte „Freiwilligkeitsprinzip“ birgt laut Erbeldinger eine fünf Mal so große Erfolgsrate für alle Projekte. Wie sich so ein gewagtes Konzept für ein Unternehmen außerdem auswirkt? Erbeldinger: „Innerhalb von zwei Jahren änderte sich die gesamte Belegschaft – allerdings ohne große Kündigungswelle. Nur eine Kündigung wurde ausgesprochen, alle anderen wechselten aus eigener Überzeugung oder eben nicht-Überzeugung unseres basisdemokratischen Konzepts.“

„It´s cheaper to use a rubber than a wrecking ball!“

Das Problem, das Erbeldinger in gewissen Hierarchiestrukturen sieht: „Alles, was der Chef sagt, ist wie ein Adler mit breiten Schwingen – es wird geklatscht, ohne Dinge zu hinterfragen.“ Weiterentwicklung, das eigene Projekt finden, eine Gründung – das sollten die Ziele von engagierten Mitarbeitern sein. Erbeldinger will seine Leute nämlich auch wieder „loswerden“. Er meint: „Wer nach drei Jahren noch bei partake ist, hats nicht geschafft!“ Sein Modell: onboarden – offboarden – dazwischen möglichst viel Kreativität. „Hart, aber fair“, wie er meint. Wie das mit Commitment und Bindung vereinbar ist – eine andere Geschichte.

5 essentielle Trends für die Arbeitswelt der Zukunft

Disruption ist ein Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst oder zerschlagen wird. Das passiert ständig und quer durch alle Branchen. Um als Unternehmen langfristig erfolgreich zu sein, gilt es, frühzeitig zu erkennen, wo die Macht umkippt und darauf zu reagieren. Erbeldinger sieht für die Zukunft folgende Trends, zu denen sich Unternehmen rechtzeitig eine Meinung formen sollten:

#1 Aging Society

Eines ist sicher: Wir werden immer älter. Wenn der dritte Frühling mit 70 kommt, was tun? Eine immer älter werdende Gesellschaft bedeutet auch für Arbeitgeber viele Herausforderungen: neue Produkte, andere Kundenbindung, was eigene Mitarbeiter betrifft zudem veränderte Arbeits- und Weiterbildungsverhältnisse.

#2 Information at your Fingertips: Fähigkeiten verändern sich

Früher galt man als Absolvent einer hochkarätigen Universität (etwa aus der sogenannten „Ivy League“ wie Harvard, Princeton etc.) als Jackpot für Arbeitgeber und brauchte sich absolut keine Sorgen um einen Job zu machen. Heute überwiegen sogenannte „T-shaped“-Skills: Arbeitnehmer sind breiter, aber auch tiefer aufgestellt in ihren Fähigkeiten. Formal-Qualifikationen sind jedoch nicht mehr uneingeschränkt die Eintrittskarte zu Top-Jobs. Heute zählen eine gute Community und Vernetzung oft viel mehr.

#3 Unterstützung für Körper und Geist

Alles geht in Richtung Roboterunterstützung. Warum sollen wir uns bei körperlich anstrengenden Arbeiten nicht von Bots unterstützen lassen? Prothetik ist hier ein wichtiges Thema, aber auch weitergezogene Themen wie Inklusion (das Einbinden von körperlich beeinträchtigten Menschen). Auf der anderen Seite waren Wettbewerb und Leistung immer ein Thema und werden in Zeiten von 24/7-Verfügbarkeit immer wichtiger. Die Pharmaindustrie ermöglicht es, immer leistungsfähiger zu sein. Als Arbeitgeber muss man sich fragen: Wie steht man dazu und wie transparent wird das Thema Sucht behandelt?

#4 Wir sehen in die Zukunft mit Social Forecasts & Predictive Analytics

Mittels zahlreicher digital verfügbarer Daten und gewisser Algorithmen können bereits Profile und genaue Vorhersagen zu Personen gemacht werden. Auch in der Kommunikation wird das immer schlagender: Avatare und Bots sind längst Realität. Soziale Medien sind bereits imstande Empfehlungen zu geben, welche Themen wir im nächsten Meeting ansprechen sollten und welche besser nicht.

#5 Auf Augenhöhe mit Computern

Wie bereits erwähnt, können intelligente Algorithmen schon vieles – gewisse Dinge sogar besser als wir. Wo hat der Mensch also (noch) Vorteile: vor allem dort, wo es um Kreativität und Erfindungshöhe geht! Im Zuge dessen sollte man sich auch fragen, was die Digitalisierung, Fußspuren im Netz, digitale Währungen etc. für das Unternehmen bedeuten. Dazu kommen auch veränderte Produktionsbedingungen: Physischer Ort und Produktionsort fallen auseinander. Von Heidelberg eine Drehbank in Asien zu bedienen wird Realität. Was heißt das für den Arbeitgeber?

Der Claim für mehr Erfolg

Und das setzt Erbeldinger den sich stetig ändernden Bedingungen der Arbeitswelt entgegen – bis dato sehr erfolgreich:

  • Sei effizient durch hohe Informationsdichte! Zentrales Element der neuen Arbeitswelt: Permanent Feedback einholen und dementsprechend justieren!

 

Zur Person: Jürgen Erbeldinger

Jürgen Erbeldinger beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Innovations-Management. Er ist Gründer und CEO der partake AG mit 60 Mitarbeitern und Sitz in Berlin. Mit seinem Team erarbeitet er für seine Kunden Innovationskonzepte und begleitet deren Implementierung. Dazu zählen unter anderem: Allianz SE, Commerzbank AG, Deutsche Bank, EADS, E.ON AG, LBBW, Siemens, Swisscom. Erbeldinger studierte Volkswirtschaftslehre und Mathematik an der Freien Universität Berlin. Zusammen mit dem Wirtschaftstheoretiker Professor Ulrich Baßeler beschäftigte er sich mit der Simulation von ökonomischen Prozessen und promovierte über die Zusammenhänge zwischen Geldpolitik und Ökonomie.

Bildnachweis: nopporn/Shutterstock; partake

Tanja Karlsböck

Tanja Karlsböck verfasst Blogposts rund umʼs Arbeitsleben, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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