Leistungsdruck: „Destruktives Verhalten nicht auch noch loben.“

von in Arbeitsleben, HR am Dienstag, 14. Juli 2015 um 09:00

Steigende Anforderungen in der Arbeitswelt setzen immer mehr Menschen unter Druck: Die Angst, den Job zu verlieren oder bei der Leistungsbeurteilung schlecht abzuschneiden, erfordert oft Opfer: Die Mittagspause wird gestrichen, jede Menge Überstunden stehen auf dem Plan. Wenn Arbeitgeber reagieren, ist es oft zu spät. Arbeitspsychologin Veronika Jakl über kleine Anzeichen von zu hoher Arbeitsbelastung, und warum man sie als Führungskraft erkennen sollte.

Immer schneller, immer besser, immer mehr?

Im Kampf um gute Leistung, mehr Gehalt oder den eigenen Arbeitsplatz setzen immer mehr Mitarbeiter ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. Im Frühjahr 2015 hat die Bertelsmann-Stiftung dazu eine Studie unter deutschen Arbeitnehmern durchgeführt. Das Ergebnis: Hohe Arbeitsbelastung im Job verleitet dazu, mehr zu arbeiten, als der Gesundheit gut tut. Knapp ein Viertel der Vollzeitbeschäftigten gaben an, im Job ein hohes Tempo vorzulegen und das auf Dauer wahrscheinlich nicht durchzuhalten. 42 Prozent der Befragten meinen, dass ihr Arbeitsumfeld durch steigende Leistungs- und Ertragsziele geprägt ist. Jeder Dritte weiß nicht mehr, wie er die wachsenden Ansprüche im Betrieb bewältigen soll. Wer sein Ziel erreicht, dem wird durch neue Vorgaben die Messlatte schnell höher gelegt.

Management beeinflusst Leistungskultur

Veronika Jakl

Veronika Jakl

„Es gab natürlich immer schon Arbeitnehmer, die mehr gearbeitet haben – über ihre Gesundheit hinaus. Ich bemerke aber schon zwei Faktoren: Einerseits die schlechte Wirtschaftslage, andererseits ‚Management by Objectives‘: Zielvereinbarungen werden viel klarer auf einzelne Mitarbeiter heruntergebrochen. Damit ist viel einfacher nachvollziehbar, welcher Arbeitnehmer wie viel leistet – auch verglichen mit seinen Kollegen“, berichtet Arbeitspsychologin Veronika Jakl.

Phänomen „Interessierte Selbstgefährdung“

Immer mehr Arbeitnehmer würden mehr arbeiten, um aus der Masse der Kollegen positiv hervorzustechen oder auch einfach, weil sie Angst haben, den Job bei schlechter Leistung zu verlieren. Gehandelt wird dann im Sinn der „Interessierten Selbstgefährdung“. „Grundsätzlich geht es bei dem Begriff darum, dass der Arbeitnehmer glaubt, etwas machen zu müssen und dabei aber genau weiß, dass es nicht gut ist für seine Gesundheit. Er priorisiert beispielsweise seine Arbeit, um ein Projekt zu beenden oder seinen Job nicht zu verlieren. Diese Selbstgefährdung geschieht aber immer eingebettet in ein Organisationsklima, das impliziert, dass man so handeln sollte. Das entsteht nicht, wenn man einen Arbeitgeber hat, der das nicht von seinen Mitarbeitern implizit verlangt oder zumindest gutheißt“, erklärt Jakl.

Leistungskultur

Situationen, die die Gesundheit gefährden

  • Schlechte Arbeitsorganisation
    Stetiger Mitarbeiterabbau oder Aufnahmestopp führen dazu, dass die verbliebenen Arbeitnehmer viele Überstunden absolvieren müssen
  • Schlechte Fehler- und Feedbackkultur
    Zu wenig Rückmeldung über die eigene Leistung, Suche nach Schuldigen, kein Lob aber Kritik, wenn etwas nicht passt
  • Ständige Erreichbarkeit und das Leisten von Überstunden werden vorgelebt
  • „Ellbogenmentalität“
    Interne Konflikte, Informationen werden absichtlich nicht weitergegeben

„Für Führungskräfte ist es oft ein schwieriger Spagat, sobald der unternehmerische Gedanke dazu kommt: Personalbedarf vs. Personalkosten“, sagt Jakl. Grundsätzlich sei bei Unternehmen das Bewusstsein aber da, dass auf Arbeitnehmer und ihre Gesundheit geachtet werden muss.

Warnzeichen: „Das Schleichende wird noch zu wenig beachtet.“

Für die Bewältigung des steigenden Leistungsdrucks hat jeder Betroffene seine eigene „Strategie“. Durch kleinere oder große Anzeichen kündigt sich an, dass Arbeitnehmer ihr Pensum nicht bewältigen können. Vor allem den kleinen Warnzeichen sollten Führungskräfte mehr Beachtung schenken, meint Jakl: „Häufig wissen Führungskräfte schon sehr gut, dass diese Arbeitsbedingungen schlecht sind, reagiert wird oft zu spät. Zum Beispiel erst dann, wenn das Ergebnis durch die Evaluierung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz Schwarz auf Weiß vorliegt oder Mitarbeiter durch Burn-Out lange Zeit ausfallen. Das Schleichende wird noch zu wenig beachtet.“

  • Arbeitnehmer verändern sich emotional, sind z.B. ständig gereizt
  • Pausenzeiten werden nicht eingehalten, die Mittagspause wird durchgearbeitet
  • Einnahme von leistungssteigernden Substanzen oder übermäßiger Konsum von Genuss/Suchtmitteln
  • Das Mittagessen wird am Platz gegessen, um nebenbei auch noch zu arbeiten
  • Arbeit wird mit nach Hause genommen
  • Übermäßig viele Überstunden werden absolviert
  • Mitarbeiter kommen krank zur Arbeit
  • Krankenstände häufen sich, Arbeitnehmer gehen immer wieder für kurze Zeit oder über einen längeren Zeitraum in Krankenstand

„Selbstgefährdendes Verhalten nicht auch noch fördern.“

Manche Anzeichen treten gesammelt in der Gruppe auf, zum Beispiel wenn alle Mitglieder eines Teams ihre Mittagspause am Arbeitsplatz verbringen oder es Usus ist, täglich Überstunden zu absolvieren. Führungskräfte müssen dann nicht nur die Reißleine ziehen sondern auch darauf achten, destruktives Verhalten nicht zu loben: Danke, dass du immer länger im Büro bleibst! „Das ist genau das, was man vermeiden muss“, so Jakl.

Bildnachweis: cmgirl / Shutterstock; alphaspirit / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren