HR-Herausforderung: Arbeitgeberattraktivität abseits der Metropolen

von in Arbeitsmarkt, Bewerbung, Gehalt, HR am Dienstag, 12. Juni 2012 um 10:33

Hochqualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren und in weiterer Folge an das Unternehmen zu binden: Das sind zwei der Top-Herausforderungen für Personaler, die in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. Dass die geografische Lage des Unternehmens dabei eine zentrale Rolle für die Arbeitnehmer spielt, zeigen aktuelle Studien und Erfahrungen. Es gibt jedoch einen Weg aus der (Einsamkeits-)krise, den manche Unternehmen trotz scheinbar unattraktivem Standort äußerst erfolgreich gehen. Karrieremöglichkeiten, Motivation und Information sind die Schlüsselfaktoren zur Arbeitgeberattraktivität.

Wo wir 2030 arbeiten werden

Eine Antwort auf die Frage, wo wir in Zukunft arbeiten werden, haben die österreichische Raumordnungskonferenz und Statistik Austria erarbeitet. Regionen, die bereits mit Abwanderungen zu kämpfen haben, werden in 18 Jahren (tatsächlich, dann schreiben wir schon 2030!) noch weitere Arbeitskräfte verlieren, so der Grundtenor der Erwerbsprognose. Für städtische Regionen bedeutet dies im Umkehrschluss signifikante Zuwächse. Allen voran Wien, wo es bis zu 2030 um bis zu 25 Prozent mehr Erwerbstätige geben wird. Generell, so das Szenario, wird der Osten Österreichs am stärksten vom Wachstum profitieren. Zu den großen Verlierern zählen auf Bundesländerebene die Steiermark, Kärnten und Salzburg, aber auch das Mühl- und Waldviertel, der oö. Voralpenraum, das Tiroler Oberland sowie der Bregenzerwald.

Linz ist nicht Wien ist nicht Zürich ist nicht New York

Wer glaubt, dass nur Unternehmen mit ländlicher Ansiedlung Schwierigkeiten durch ihre exponierte Lage haben, irrt. Denn auch die Big Player unter den Unternehmen müssen sich gegen größere und attraktivere Städte im In- und Ausland durchsetzen. Die genauen internationalen Zu- und Wegzüge gibt es online auf Statistik Austria. Die Mitarbeiterbindung bzw. das Branding als attraktiver Arbeitgeber, der in der Rekrutierung neuer Mitarbeiter wenig Probleme hat, ist dabei maßgeblich entscheidend für den Unternehmenserfolg. Ein äußerst erfolgreiches Beispiel, wie ein Familienbetrieb im ländlichen Raum zu einem der tonangebenden Unternehmen für eine ganze Region wurde, ist der Maschinen- und Anlagenbauer Fill mit Firmensitz im oberösterreichischen Gurten (1177 Einwohner). Das Unternehmen ist ein Best-Practice-Beispiel, wenn es um Mitarbeiterattraktivität bzw. -bindung geht. Marianne Boindecker, seit 26 Jahren bei Fill und seit 2001 Leiterin der Personalabteilung, lässt karriere.at in die Karten blicken.

Fluktuation unter vier Prozent

Marianne Boindecker

Marianne Boindecker

Beginnen wir mit den Hard Facts: Firmengründung 1966, aktuell 510 Mitarbeiter (Tendenz steigend), 15 Prozent Frauenanteil, Rückkehrquote nach der Karenz bei beinahe 100 Prozent, Fluktuation weniger als vier Prozent. Wie kommts?

„Es war schon immer ein Ziel von Fill, Mitarbeiter gut auszubilden, weiterzuentwickeln und ihnen Möglichkeiten für andere Jobs im Unternehmen zu bieten. Ein Lehrling hat bei uns die Möglichkeit, sich bis zum Geschäftsführer hochzuarbeiten“, schildert Boindecker. Eine typische Fill-Karriere beginnt klassisch mit der Lehre, danach geht es für fünf bis zehn Jahre in die Produktion und je nach Wunsch und Ausbildung steht der Weg in andere Bereiche offen. Beim jährlichen Mitarbeitergespräch stehen die Themen Veränderung, Karrierechancen, Aufstieg und Verwirklichung am Programm. Die geringe Fluktuation führt die Personalchefin zwar zu einem großen Anteil auf die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten zurück – als hauptverantwortlich dafür sieht sie jedoch etwas anderes.

Mitarbeiterumfrage durch vierteljährliche Onlineumfrage ergänzt

„Es ist die Unternehmenskultur, die, beginnend bei der Geschäftsführung, auf allen Ebenen gelebt wird. Die zehn Werte Verantwortung, Vertrauen, Verlässlichkeit, Akzeptanz, Toleranz, Sicherheit, Fairness, Kompetenz, Innovation und Harmonie sorgen für die große Zufriedenheit der Mitarbeiter.“ Erhoben wird diese alle drei Jahre in einer großen Mitarbeiterbefragung, seit einigen Jahren gibt es zusätzlich viermal jährlich eine Onlineumfrage. Dabei werden Themen wie die Arbeitszufriedenheit ebenso abgefragt wie die Akzeptanz von aktuellen Veränderungen oder neuen Produkten. „Die Mitarbeiter erhalten auch immer ein Feedback und sehen, dass, wenn sie unzufrieden mit einer Sache sind, von der Geschäftsführung bzw. den Teamleitern nach Lösungen gesucht wird“, verweist Boindecker auf den Unternehmensleitsatz: „Wer die beste Lösung sucht, entwickelt gemeinsam mit Fill seine Zukunft“.

Information und Kommunikation als Schlüsselfaktoren

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Kommunikation intern bzw. die Informationspolitik. Wie bereits im karriere.at-blog berichtet, ist das Wissen um Unternehmensziele ein oft vernachlässigter Faktor, der jedoch viel zur Identifikation mit dem Unternehmen bzw. der Arbeitsmotivation beiträgt. „Wir haben seit 1992 eine Mitarbeiterzeitung, die wir bis heute gehalten haben und immer professioneller umsetzen. Wir schicken die Zeitung bewusst zu den Mitarbeitern nach Hause, damit auch die Eltern (von Lehrlingen) bzw. Partner und Kinder der Mitarbeiter sie lesen können. Weiters informiert die Geschäftsführung die Mitarbeiter einmal im Quartal persönlich über Neuerungen, es gibt das Intranet und zudem einen monatlichen Newsletter“, berichtet Boindecker von jenen vielen Maßnahmen, die das schwarze Brett von einst längst abgelöst haben.

Rekrutierung: „Auch wir haben Engpässe“

Das Einzugsgebiet der Firma mit ländlicher Ansiedlung besteht zum Großteil aus einem Umkreis von 30 Kilometern, es gibt jedoch auch Pendler sowie Mitarbeiter, die die Möglichkeit zum Homeoffice nutzen. In der Region und auch darüber hinaus ist Fill als attraktiver Arbeitgeber bekannt, vor allem die Lehrstellen sind begehrt. „Es ist nicht so, dass wir keine Engpässe haben, es gibt jedoch auch viele interessante Bewerbungen und Blindbewerbungen – diese werden nicht selten einen gewissen Zeitraum vorgemerkt und auch berücksichtigt.“ Um Engpässen entgegenzuwirken, wurden vor zwei Jahren die Berufsorientierungstage eingeführt. Schüler haben dabei die Möglichkeit, einen halben Tag lang die verschiedensten Lehrberufe sowie das Unternehmen kennenzulernen.

Gesamtkonzept liefert gebündelte und strukturierte Vorgehensweise

Aktivitäten zur Mitarbeiterzufriedenheit sind in dem Unternehmen nichts Neues bzw. nichts, das von heute auf morgen „erfunden“ werden musste. 2001, als Andreas Fill die Geschäftsführung übernommen hat, hat er jedoch ein Gesamtkonzept für die Firma geboren. „Dieses liefert eine gebündelte und strukturierte Vorgehensweise, auf die wir uns verlassen können und die Bestand hat“, so die HR-Managerin. „Das Wichtigste ist, dass die Dinge, die implementiert werden, auch gehalten werden. Kontinuität und ein konsequentes Verfolgen von Neuerungen im Bereich Personalmanagement sind unser Schlüssel zum Erfolg und schaffen zudem Vertrauen.“ Was mit den drei Säulen „Wohlfühlen, Gesundheit und Sicherheit“ begonnen hat, wird derzeit in vielen Einzelprojekten umgesetzt. Zu den Angeboten gehört etwa ein jährlicher Erste-Hilfe-Kurs oder ein Sport- und Ernährungsprogramm sowie das firmeneigene Fitnessstudio samt physiotherapeutischer Betreuung. „Bei all diesen Maßnahmen zu den Themen Ernährung und Bewegung ist uns wichtig, dass die Mitarbeiter diese als Denkanstöße bzw. Angebot und nicht als Bevormundung verstehen.“

Vom Storch bis zur Pension

Jedes Jahr wird ein Schwerpunktthema festgesetzt, heuer ist es die Balance zwischen Arbeit und Erholung bzw. die Bewältigung des Arbeitsalltages. „Wir wollen die Mitarbeiter dabei vom Eintritt in die Firma bis zur Pensionierung begleiten. In jeder Lebensphase gibt es andere Bedürfnisse, aktuell arbeiten wir zum Beispiel an einem Modell, um das Wissen der älteren Arbeitnehmer in der Firma weiterzugeben“, erklärt Boindecker. Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle die Einbindung der Familien der einzelnen Mitarbeiter ins Unternehmen: Diese beginnt beim traditionellen Holzstorch, der für frisch gebackene Väter bzw. Mütter im Unternehmen aufgestellt wird, bis hin zu Geburtstagskarten für Kinder und Partner, einem Schulschlussfest, dem Familientag im Unternehmen, an dem Kinder ihre Väter oder Mütter an den Arbeitsplatz begleiten können, bis hin zur Adventfeier. „Es sind alles keine selbstverständlichen Sachen, aber bei Fill ist das eben so“, erklärt Boindecker das Ziel ihres Teams, die Mitarbeiterzufriedenheit auch in Zukunft zu halten und das Lebens- Arbeitskonzept noch stärker auszubauen.

Fotonachweis: Colourbox, Fill

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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