Arbeiten in Mexiko: Ein Exil-Österreicher im Interview

von in Arbeitsleben am Montag, 30. Juni 2014 um 10:33

Leben und Arbeiten in einem fernen Land ist immer eine Herausforderung, egal, aus welchem Grund man sich dieser stellt. Den Oberösterreicher Erik Wolkerstorfer hat es 2003 endgültig nach Mexiko verschlagen, vor mittlerweile zehn Jahren hat er die Reiseagentur Mextrotter gegründet. Im Interview erzählt er vom Arbeitsleben in dem so fernen Land.

„Faul und langsam? Kann genau vom Gegenteil berichten“

Könnten Sie mir kurz Ihren Werdegang schildern? Was hat Sie ausgerechnet nach Mexiko gebracht?

Erik Wolkerstorfer: Im Zuge meines Auslandszivildienstes verbrachte ich 1997/98 vierzehn Monate in einem Strassenkinderprojekt in Mexico City. Bis zu einem Auslandssemester 2001 folgten mehrere Mexiko Reisen und schließlich zog mich 2003 die Liebe zum Land und meiner Frau in das Land der Azteken. Aus dem Hobby Reisen wurde ein beruflicher Traum. Gemeinsam gründeten wir 2004 die Reiseagentur Mextrotter.

Arbeitsrecht oft nur auf dem Papier

Wie würden Sie die dortige Arbeitsmentalität bzw. die Unterschiede zur heimischen beschreiben?

Mextrotter

Erik Wolkerstorfer und Ana Lydia Estrada Orozco

Erik Wolkerstorfer: Mexiko hat wie viele andere Südländer sicher den Ruf, dass die Leute etwas „fauler und langsamer“ sind. Nach mehr als zehn Jahren Mexiko kann ich genau vom Gegenteil berichten. Hierzulande findet man überaus fleißige Menschen. Vielerorts werden Arbeitnehmer hierzulande ausgenutzt. Das Arbeitsrecht ist auf dem Papier sehr arbeiterfreundlich, die Realität schaut jedoch anders aus. Gerade in „unteren“ Arbeitsverhältnissen werden Sozialleistungen nicht weitergereicht, sprich selbst in großen Unternehmen ist meist ein Großteil der Arbeitnehmer nicht offiziell angemeldet. Man tut sich als Arbeitgeber relativ leicht, wenn man ein paar „Selbstverständlichkeiten“ aus der Heimat in Mexiko anwendet (z.B. ein volles Gehalt Weihnachtsgeld). Im Gegenzug erhält man absolut loyale, zufriedene Mitarbeiter, die dem Arbeitgeber mit Respekt begegnen und Dank zeigen.

Offizielle Arbeitswoche hat in Mexiko 48 Stunden

Gibt es große Unterschiede zum Arbeitsleben in Österreich – und falls ja, welche?

ErreichbarkeitErik Wolkerstorfer: Die größten Unterschiede würde ich hinsichtlich der hierarchischen Struktur von mexikanischen Unternehmen sehen. Die Leute hierzulande haben es praktisch im Blut: Wenn der Chef spricht wird nicht widersprochen. Telefonisch erreichbar zu sein, wenn der Chef anruft, ist außerhalb der Dienstzeit eine Selbstverständlichkeit. Und wenn darum gebeten wird, einmal am Samstag oder gar Sonntag eine Arbeit zu verrichten, habe ich in zehn  Jahren noch kein einziges Mal eine Ausrede oder ähnliches gehört. Hinsichtlich der Sozialleistungen ist der mexikanische Arbeitnehmer gegenüber einem österreichischen zwei bis drei Welten weit entfernt. Es gibt nur ein halbes Monatsgehalt Weihnachtsgeld, die offzielle Arbeitswoche hat 48 Stunden, erst darüber muss man – aber auch nur offiziell – Überstunden zahlen. Es gibt zwölf Tage Urlaub und das erst, wenn man volle zwei  Jahre im selben Unternehmen gearbeitet hat.

Haben es Männer Ihrer Erfahrung nach im Arbeitsleben leichter als Frauen?

Erik Wolkerstorfer: Das würde ich nicht sagen. Wie überall auf der Welt gibt es auch in Mexiko klassische Männer- und Frauendomänen. Auch hierzulande ist das Durchschnittseinkommen von Männern höher als von Frauen.

„Mexiko ist ein weltoffenes Land“

Hatten Sie als Nicht-Mexikaner Schwierigkeiten, sich einzufinden – beruflich aber auch privat?

Erik Wolkerstorfer: Weder noch. Mexiko ist ein weltoffenes Land. Rassismus spürt man als Europäer keinesfalls, im Gegenteil, die Mexikaner haben Respekt vor einem. Wenn ein Hellhäutiger glaubhaft erklären kann, kein „Gringo“ (US-Amerikaner, die nicht so beliebt sind) zu sein, hat man privat  und auch beruflich nur Vorteile. Aus unternehmerischer Hinsicht empfiehlt es sich aber, einen mexikanischen Partner dabei zu haben. Als Ausländer verliert man schnell die Geduld bei diversen offiziellen Stellen: Wer in Österreich von Bürokratie spricht, der soll sich das hierzulande mal anschauen.

Gibt es Dinge, die sie als einfacher erfahren haben, als es in Österreich der Fall wäre?

Flexibler ArbeitsmarktErik Wolkerstorfer: Der Arbeitsmarkt ist sicherlich wesentlich flexibler hierzulande. Das liegt auf der Hand, wenn mehr Arbeitnehmer verfügbar sind, die vor allem in einfacheren Tätigkeiten zu einem geringen Lohn zu arbeiten bereit sind. Ein „Kommen und Gehen“ ist in Mexiko wesentlich einfacher.

Bürokratie kann einen zur Weißglut bringen

Und welche, die schwieriger sind/waren?

Erik Wolkerstorfer: Die Bürokratie in Mexiko kann einen zur Weißglut bringen. Zur Korruption wird man praktisch gezwungen, wenn man eine Konzession (von der es viele gibt) braucht. Die Mexikaner leben damit und können vor allem damit. Als Europäer kann man schnell einen Gewissenskonflikt bekommen.

Was würden Sie jemandem raten, der vorhat, es Ihnen gleich zu tun und sein Glück in Mexiko zu versuchen?

Erik Wolkerstorfer: Auf jeden Fall profesionellen Rat und Beistand einholen. Die österreichische Wirtschaftskammer verfügt über ein ausgezeichnetes System von Vertretungen in den meisten Ländern der Welt, so auch in Mexiko. Dort bekommt man Auskunft zu Gründungen und Investitionen aus erster Hand.

Bildnachweis: Jesus Cervantes / Quelle Shutterstock, Mextrotter, Kostenko Maxim /Quelle Shutterstock, Photology1971 /Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren