Keine Jobs für Kevin, Aishe & Co. – sorgt anonyme Bewerbung für Chancengleichheit?

von in Bewerbung, HR, Jobsuche am Montag, 30. August 2010 um 13:23

Diskriminierung auf österreichisch: Ein befreundeter Diplomingenieur österreichischer Staatsbürgerschaft bewarb sich um eine Eigentumswohnung. „Keine Ausländer“, bekam er am Telefon zu hören, gleich nachdem er sich vorgestellt hatte. Grund: Sein Familienname endet auf „-ic“. Zwei Minuten später wählte seine Lebensgefährtin – mit klassisch österreichischem Namen – dieselbe Nummer. Sie hätte die Wohnung bekommen, wollte sie aber nicht mehr. Diskriminierung wegen des Namens – auch wenn es um Bewerbungen geht – ein heißes Thema. Um dem entgegenzuwirken testen deutsche Großkonzerne nun anonyme Bewerbungen. Was sind aber die Pros und Contras?

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Foto, Alter, Geschlecht, Nationalität, Geburtsort, Familienstand – Faktoren, die derzeit aus jeder gängigen Bewerbung auf den ersten Blick feststellbar sind. Faktoren, die Personalentscheidungen aber selbst im Jahr 2010 oft noch stärker beeinflussen als die reine Qualifikation für einen Job. Leider.

Schlechtere Chancen mit türkischem Namen
Fünf deutsche Großunternehmen starten mit September nun ein Pilotprojekt: Ein Jahr lang werden die Deutsche Post, die Deutsche Telekom, Kosmetikriese L´Oreal, Procter&Gamble sowie Erlebnisgeschenk-Anbieter Mydays ausschließlich anonymisierte Bewerbungsunterlagen akzeptieren. Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des deutschen Bundes (ADZ) ist sich sicher, dass „wir mit den Ergebnissen unseres Pilotversuchs weitere Unternehmen von den Vorteilen von Vielfalt und Diskriminierungsfreiheit überzeugen können“. Bereits im März verwies Lüders in der „Süddeutschen Zeitung“ auf eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit, nach der die Chance eines Bewerbers mit türkischem Namen um 14 Prozent geringer sei, einen Job auch zu bekommen.

Befürworter des Versuchs betonen, dass anonyme Bewerbungen die Personalauswahl von den Vorlieben oder Vorurteilen des Personalchefs entkoppeln würden. Und dass das perfekte Bewerbungsfoto plötzlich nicht mehr ausschlaggebend ist, wenn es zwischen zwei Bewerbern auszuwählen gelte. Der fähigste Berwerber bekommt den Job. Punkt.
Aber ist das wirklich so? Während in Österreich die anonyme Bewerbung noch nicht breitenwirksam thematisiert wird, ist in Deutschland die Diskussion darüber bereits mit großer Intensität im Gange. Zum Beispiel, wenn es um die Diskriminierung von Frauen bei Personalentscheidungen geht. „Wie soll der Anteil von Frauen erhöht werden, wenn ihre Bewerbungen neutralisiert sind?“, fragt sich beispielsweise Patrick Adenauer, Präsident des  Verbandes Die Familienunternehmer im Gastkommentar in der „Welt“. Und ergänzt, dass für die Bewerber auch eine Möglichkeit verloren gehe, sich selbst kreativ zu präsentieren. Womit Adenauer nicht ganz unrecht haben dürfte.

„Njet“ erst nach Bewerbungsgespräch
Interessant dürfte sein, wie die Bewerbungsbögen standardisiert werden und wie dann weiter in den Bewerbungsprozessen vorgegangen wird: Bleibt es allein beim Anonymisieren der Bewerbungsschreiben, erhöht man nämlich lediglich die Chancen auf ein Bewerbungsgespräch. Und Personaler, die beim herkömmlichen Bewerbungsschreiben mit Foto bereits „Njet“ gesagt hätten, tun dies dann eben erst nach dem ersten persönlichen Kontakt – und zwar aus denselben „falschen“ Gründen. Also wiederum Aussehen, Name, Herkunft …

Dennoch: Der Pilotversuch ist klar positiv zu bewerten. Er zeigt, dass bestehende Missstände wie Diskriminierung im Job nach Geschlecht, Alter, Herkunft oder sonst etwas, bekämpft werden können und müssen. Dass fünf Großkonzerne diese Idee mittragen, gibt noch mehr Hoffnung. Änderungen im Denken vieler Personalabteilungen wird die anonyme Bewerbung allein aber nicht herbeiführen können. Denn wie eine Firma argumentiert, wenn sie eine Absage begründet, lässt sich leider nicht beeinflussen. „Wir nehmen keine Türken“, wird kein Personaler sagen. „Ihre Qualifikationen entsprechen nicht 100-prozentig unserem Anforderungsprofil“, schon eher. Ob aber Grund eins oder zwei den wirklichen Ausschlag für die Absage gab, kann weiter nur vermutet werden.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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