Alkohol am Arbeitsplatz: „Es scheint tabu zu sein, die Dinge beim Namen zu nennen“

von in Arbeitsleben am Montag, 9. Juli 2012 um 10:26

Wer kennt das nicht? Ein anstrengender Morgen nach einer langen Nacht. Kopfschmerzen und das Gefühl, nicht mehr wirklich jung zu sein. Oder der Kollege gegenüber, dem der Duft des Nachtlebens noch an der Kleidung haftet. Passiert dies einmal, werden sich die wenigsten Menschen etwas denken. Passiert dies jedoch öfters, schrillen bei dem einen oder anderen die Alarmglocken. Rund fünf Prozent der Bevölkerung sind alkoholkrank, weitere zehn Prozent trinken zu viel – und das spüren manchmal auch die Kollegen am Arbeitsplatz. Alkohol am Arbeitsplatz ist nicht nur gefährlich, er erzeugt viel Leid auch unter den Kollegen und kostet zudem täglich allein in Österreich rund 2,9 Millionen Euro.

Herbert Baumgartner

Zitate eines ehemaligen Alkoholkranken

„Erfolgt die Kündigung nur aufgrund der Symptome, ohne tatsächlich die Ursache beim Namen zu nennen, glaube ich nicht, dass dies dem Alkoholkranken die Augen öffnet.“

„Für das Umfeld ist klar, dass jemand Alkoholiker ist. So sonnenklar, dass kaum jemand auf die Idee kommt, dass der Betroffene dies nicht erkennt.“

„In unserer Gesellschaft herrscht eine Art stillschweigende Übereinkunft darüber, dass man im persönlichen Gespräch niemanden als mutmaßlich alkoholkrank bezeichnen darf. Es scheint tabu zu sein, die Dinge beim Namen zu nennen.“

Keine Seltenheit: Schweigen aus Angst, dass der Kollege den Job verliert

Wissen tun wir es oft schon früh, dass ein Kollege zu oft einen über den Durst trinkt. Doch wie kommt es, dass oft so lange – zu lange – nichts passiert? Für Herbert Baumgartner, dem zuständigen Experten vom Institut Suchtprävention, liegt die Antwort auf der Hand: „Es gibt für Kollegen und Vorgesetzte viele gute Gründe, bei einem Alkoholproblem wegzuschauen. Da ist zum Beispiel die Angst, dem Betroffenen zu schaden, oder dass er gar seinen Job verlieren könnte. Also decken ihn die Kollegen, vertuschen die Fehler und sagen einmal nichts“, berichtet Baumgartner, dass es in vielen Firmen so abläuft. „Wir haben bei Alkohol kein Wahrnehmungsproblem, ich traue mich zu sagen, dass wir sehr bald merken, ob jemand da ein Problem hat. Was wir aber haben, ist ein Interventionsproblem, das heißt, wir wissen nicht, wie wir mit diesem Wissen ungehen sollen.“

Das Thema besprechbar machen

Und genau hier setzt die Arbeit der Präventionsexperten an. „Wir kommen immer mehr darauf, dass es betriebliche Rahmenbedingungen braucht, die ermöglichen, dass man ein Alkoholproblem am Arbeitsplatz schneller anspricht. Der Vorgesetze sollte den Mitarbeiter schon beim ersten Vorfall ansprechen können und ihm somit zu zeigen, dass die Alkoholisierung auffält und nicht in Ordnung ist.“ Ganz wichtig ist es dabei auch, dass alle Mitarbeiter – auch die gesunden – in die Schulung miteinbezogen werden. Damit sie gesund bleiben und Hilfe leisten können. Wie in einer Firma mit dem Thema Alkohol umgegangen wird, ist großteils durch die jeweilige Firmenkultur bestimmt. In manchen Betrieben bzw. Bereichen ist das Mittagsbier selbstverständlich, in anderen wiederum bereits Geschichte. „Gerade weil es diese großen Unterschiede innerhalb der Betriebe gibt, ist es so wichtig, dass Präventionsprogramme über Betriebsvereinbarungen in den Unternehmen eingeführt werden.“ Ein solches Programm regelt Themen wie den Umgang eines Unternehmens mit Alkohol an sich, es setzt jedoch auch transparent für alle fest, wie im konkreten Fall gehandelt wird.“ Die Präventionsexperten haben in ihrer Arbeit feststellen können, dass es diesen Rahmen braucht, um das schwierige Thema „Alkohol am Arbeitsplatz“ besprechbar zu machen.

80 Prozent Erfolgswahrscheinlichkeit sprechen für sich

Und dass dieses Besprechen etwas bringt, davon sind die Experten nicht nur überzeugt – sie können auch mit Zahlen aufwarten. „Bei Leuten, deren Alkoholkonsum zwar hoch, aber noch kontrollierbar ist, besteht eine 80-prozentige Erfolgswahrscheinlichkeit, dass sie den Konsum nach einem Gespräch mit dem Vorgesetzten reduzieren.“ Wichtig ist, dass die Alkoholpolitik einer Firma transparent ist und sowohl die Führungskräfte als auch die Mitarbeiter wissen, wie der Ablauf ist. Neben einem abgestuften Interventionsmodell – vom ersten Ansprechen bis hin zur Aufforderung zur Entwöhnung – ist die frühe Ansprache der Schlüssel zum Erfolg.

In welchen Branchen Alkohol gehäuft vorkommt und warum er zu drei Viertel männlich ist

Rund 200 Führungskräfte werden allein in Oberösterreich im Umgang mit Alkohlproblemen unter ihren Mitarbeitern geschult, zusätzlich gibt es rund 150 Fachberatungen. „Es rufen aber immer mehr Unternehmen bei uns an, die Fragen zu einem konkreten Anlassfall haben.“ Über die Branchen, in denen Alkoholprobleme gehäuft vorkommen, gibt es keine aktuellen Zahlen – früher waren das Baugewerbe, Sicherheitsdienste sowie die Gastronomie an der Spitze. „Es sind aber grunsätzlich oft Berufe, in denen weniger Frauen zu finden sind. Denn Alkoholprobleme sind männlich dominiert, konkret sind drei Viertel der Betroffenen Männer“, berichtet Baumgartner. Als Ursache dafür sieht er die Tatsache, dass die gesellschaftliche Akzeptanz für eine betrunkene Frau oder ein betrunkenes Mädchen vor einigen Jahren sicher noch deutlich geringer war, als jene für alkoholisierte Männer. Und hier schließt sich der Kreis, denn Unternehmen sind ebenfalls kleine Gesellschaften oder Mikrokosmen, in denen es ein gemeinsames Bekenntnis geben muss.

Alkohol- und Drogentests sind nicht erlaubt

Wie in einer Firma tatsächlich mit Alkohol am Arbeitsplatz umgegangen wird, dafür gibt es kein Patentrezept. Im Idealfall herrscht ein offener Umgang und gibt es ein abgestuftes Interventionsmodell – welches vom ersten Gespräch bis hin zur Empfehlung einer Entwöhnung reicht. Es kann jedoch auch ganz anders kommen, wie Baumgartner weiß. Was es jedoch keinesfalls geben darf, so der Experte, sind Alkohol- und Drogentests am Arbeitsplatz. Diese bedürfen immer der Zustimmung durch den Mitarbeiter, gibt er diese nicht, darf dies ebenfalls keine Konsequenzen haben.

Weitere Infos unter praevention.at

Fotonachweis: Colourbox, Institut für Suchtprävention

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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