Gefühl und Arbeitswelt Teil 2: Ärger, Frust und Choleriker

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 29. August 2012 um 10:09

Plötzliche Gefühlsausbrüche während eines Meetings? Einen Choleriker zum Chef? Macht- oder Sprachlosigkeit? Kennen Sie das auch? Dann sind Sie hier genau richtig. In unserer neuen Serie „Gefühle und Arbeitswelt“ dreht sich alles um Gefühle und darum, wie viel davon etwas in der Arbeitswelt zu suchen hat. Helga Kernstock-Redl, Wirtschaftspsychologin, systemischer Coach und Autorin erklärt im zweiten Teil unter anderem, warum Wutanfälle andere Menschen krank machen.

„Als würde man einen total wütenden Hund von der Leine nehmen“

Ärger und Frust in der Arbeit: Was kann man tun, wenn man seinem Ärger nicht freien Lauf lassen kann? Haben Sie Tipps für „Zornpinkel“?

Helga Kernstock-Redl

Kernstock-Redl: Dem Ärger freien Lauf zu lassen ist manchmal so verheerend, wie einen total wütenden Hund von der Leine zu nehmen. Manche Vorgesetzte, KollegInnen oder KundInnen tun das zwar, das geht aber IMMER auf Kosten der Arbeitsbeziehung und wirkt extrem destruktiv. Wutanfälle machen andere Menschen krank. Der ewig unterdrückte Ärger macht jedoch die betroffene Person selber krank. Diese beiden Extreme sind deshalb selten nützlich. Es gibt eine bewährte Formel für nachhaltig nützliche Problemlösung, die ich schon bei Prof. Paul Innerhofer im Studium gelernt habe. Sie hat 4 Schritte: Ein Problem frühzeitig wahrnehmen, verstehen, akzeptieren und dann mit aller Konsequenz verändern oder nutzen. Das kann man für sich selbst bei jeder Art von Gefühl tun und man kann in der Kommunikation andere dabei unterstützen.

Die vier Schritte zum richtigen Umgang mit Ärger

Was soll man tun, wenn einen in der Arbeit etwas furchtbar ärgert oder man eine Sache als ungerecht emfpindet, jedoch weiß (oder glaubt zu wissen), dass man nichts sagen darf?

Kernstock-Redl: Ärger zeigt oft irgendeine Art von Grenzverletzung an, oder eine Behinderung auf dem Weg zu einem Ziel. Hier gilt also auch: diesen Ärger 1. in sich wahrzunehmen, 2. seine Ursachen oder Ziele zu verstehen, das Gefühl mal grundsätzlich 3. als wichtig zu akzeptieren (also nicht verleugnen) – und dann 4. klug damit umzugehen. Das bedeutet manchmal, sich einzugestehen, dass ein Kampf sinnlos ist, und sich der Hilflosigkeit oder Trauer darüber zu stellen. Manchmal kann man sehr wohl den Ärger bzw. dessen Kraft nutzen, um ein Problem zu lösen. Mit dem Satz „Man darf nichts sagen“, ist im Berufsalltag oft gemeint „Man darf nicht lauthals schimpfen“ oder „Wenn ich sage, was mich ärgert, dann kriege ich bloß noch mehr davon“. Aber es gibt noch eine Vielzahl andere Reaktionen, elegante Lösungen oder nützliche Formulierungen. Vielleicht passt es zu sagen: „An der ziemlich direkten Art, wie Sie das jetzt sagen, merke ich, wie sehr Ihnen das Thema am Herzen liegt. Danke für Ihr Engagement. Aber bitte nicht in diesem Ton. Das geht so nicht. Ich schlage vor…“ Manchmal ist man direkt in der Situation einfach überrollt und sprachlos. Oder der Ärger ist schon sehr groß und bewirkt, dass man sich absichtlich zurückhält oder dass keine konstruktiven Ideen mehr verfügbar sind. Doch es gibt noch den nächsten Tag: „Übrigens, zu gestern wollte ich noch sagen…“. Oder es kommt die nächste, ähnliche Gelegenheit (Muster erkennt man daran, dass sie sich wiederholen), wo Sie dann die in der Zwischenzeit ausgearbeiteten Strategie einsetzen.

17 Strategien zum Umgang mit Cholerikern

Was kann man tun, wenn der Chef ein Choleriker ist?

Kernstock-Redl: Grundsätzlich sollte Gewalt, auch wenn sie „nur“ sprachlich vermittelt wird, niemals gewinnen. Denn wenn das in einem Team oder in einer Firma erst einmal zur informellen Regel wird, werden all jene die Firma fluchtartig verlassen, die hier nicht mitspielen wollen. Bei einem/r cholerischen Vorgesetzten gibt es weit mehr Möglichkeiten als die Extreme „zurück schreien“, „sich alles gefallen lassen“ oder „kündigen“. Ich pflege hier mit betroffenen Menschen „Trick 1 bis 17“ zu erarbeiten, also 17 verschiedene Strategien des Umgangs damit. Ernsthafte, überraschende, vielleicht sogar paradoxe. Dann hat der bzw. die Betroffene entsprechend viele Wahlmöglichkeiten: direkt ansprechen, indirekt ansprechen (mit wohl überlegten Sätzen), ablenken, Stärke zeigen, Gekränktheit zeigen, mit Humor reagieren und vieles mehr. Nicht vergessen darf man, dass es auch den „inszenierten Kontrollverlust“ gibt: Ein Mensch tut dann nur so, als würde er „Rot sehen“, doch in Wahrheit will er den anderen nur Angst machen, damit sie das Weite suchen und ihn gewinnen lassen. Und andere Vorgesetzte wieder meinen, man dürfe jeden Ärger rauslassen und andere Menschen benutzen, um sich abzureagieren. Tatsächlich erleben Choleriker selbst den Wutanfall oft als „irgendwie entspannend“. Um dann nicht von Schuldgefühlen geplagt zu werden, wird anderen Menschen oder den Umständen konsequent die Schuld zugeschoben. In Wahrheit kann man jedoch von erwachsenen Menschen sehr wohl erwarten, dass sie die Verantwortung für das übernehmen, was ihre Unfähigkeit zum konstruktiven Umgang mit ihrer Wut anrichtet. Schließlich kann man sich das ganz normal antrainieren.

„Wenn Sie es nicht so meinen, dann tun Sie es auch nicht!“

Angenommen, der Kollege ist Choleriker oder schimpft ständig vor sich hin – soll man, und wenn ja wie, ihn am besten darauf ansprechen?

Kernstock-Redl: Es kann durchaus vorkommen, dass Unfreundlichkeit für manche Menschen ganz simpel zur schlechten Gewohnheit wird. „Ich habe das doch nicht so gemeint“, kommt dann als Antwort. Doch natürlich ist eine solche Erklärung keine Entschuldigung für destruktives Verhalten: „Wenn Sie es nicht so meinen, dann tun/sagen Sie das auch nicht. Punkt.“ Falls das direkte Reagieren nicht möglich ist oder keine Veränderung bringt, dann fange ich mit den betroffenen Menschen oft an, Hypothesen über die möglichen (unbewussten) Ursachen und Ziele des „Dauerschimpfens“ aufzustellen. Danach beginnt eine Phase des Experimentierens, wo ich einlade, je nach gewählter Hypothese auf das alte Verhalten mit ganz neuen Verhaltensweisen zu antworten. Wieder ist es Ziel, „Trick 1 bis 17“ zu finden, also 17 verschiedene Möglichkeiten, auf das ungute Verhalten gut zu reagieren. Und „DauerschimpferInnen“ selber haben es natürlich in der Hand, die Hintergründe des eigenen Verhaltens zu verstehen und Alternativen zu entwickeln.

Bisher in der Serie Gefühl und Arbeitswelt erschienen: Wieviel Emotion darf sein?

Zur Person: Helga Kernstock-Redl

Helga Kernstock-Redl arbeitet und lebt als Wirtschaftspsychologin, systemischer Coach und Autorin in Wien. Sie hat bereits mehrere Sachbücher verfasst, darunter auch „Gefühlsmanagement“.

Bildnachweis: Colourbox, Kernstock-Redl

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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