Verkürzte 30-Stunden-Woche: „Ein Schritt, den wir uns leisten können sollten“

von in Arbeitsleben, Gehalt, HR am Freitag, 25. April 2014 um 10:09

„Psychische Erkrankungen steigen dramatisch an“ oder „Freizeit wichtiger als Karriere“. Schlagzeilen wie diese machen deutlich, was viele Menschen wollen: mehr vom Leben. Einer, der dies auf wissenschaftlicher Basis fordert, ist der Wiener Soziologie-Professor Jörg Flecker. Im Interview erklärt er die massiven Auswirkungen einer verkürzten Arbeitszeit auf 30 Stunden.

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„Die Arbeit ist intensiver geworden“

Mit Ihrer Forderung nach der 30-Stunden Arbeitswoche haben Sie für viel Diskussionsstoff gesorgt. Könnten Sie die Forderung bzw. Idee dahinter noch einmal kurz schildern?

Jörg Flecker

Jörg Flecker

Jörg Flecker: Vor etwa 40 Jahren wurde die gesetzliche 40-Stunden-Woche umgesetzt, vor etwa 30 Jahren in vielen Branchen die kollektivvertraglichen 38,5 Stunden. Dann ist der Prozess der Arbeitszeitverkürzung, der im 19. Jahrhundert nach einer Phase enormer Ausdehnung der Arbeitszeit begann, zum Stillstand gekommen. Die Arbeit ist intensiver geworden, viele halten dem gestiegenen Druck nicht mehr stand. Und Österreich hat im internationalen Vergleich noch dazu sehr lange Arbeitszeiten. Das erhöht die Belastungen weiter. Zuletzt ist die Arbeitslosigkeit sehr stark gestiegen, auf den höchsten Stand seit den 1950er Jahren. Frauen mit Kindern arbeiten überwiegend in Teilzeit. Alles zusammengenommen: Wir stehen vor großen gesellschaftlichen Herausforderungen und können es uns nicht mehr leisten, noch länger auf Arbeitszeitverkürzungen zu verzichten.

„Es ist schlicht nicht mehr zeitgemäß, so lange zu arbeiten“

Like FacebookEs ist auch schlicht nicht mehr zeitgemäß, so lange zu arbeiten. Eine neue gesellschaftliche Arbeitszeitnorm um die 30 Stunden pro Woche für Männer und Frauen fördert die Gleichstellung, sichert die Gesundheit, bringt Jobs für Arbeitslose und lässt auch noch Zeit für die Weiterbildung.

Wie war die Resonanz? Ist Ihnen dabei etwas besonders aufgefallen oder hat Sie überrascht?

Jörg Flecker: Die Resonanz war groß und sehr überraschend. Es gab viele positive Rückmeldungen, aber auch einiges an Kritik. Es überwogen aber deutlich die positiven Reaktionen. Um ein Beispiel zu nennen: Auf einen kleinen Artikel in diestandard.at gab es in Facebook etwa 2.400 „Likes“ und hunderte Weiterleitungen. Ich denke, die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung trifft einen Nerv. Wir wissen aus Erhebungen der Statistik Austria, dass ein Drittel aller vollzeitbeschäftigten Männer und über 40% der vollzeitbeschäftigten Frauen – teils deutlich – kürzer arbeiten wollen, auch wenn sie dadurch weniger verdienen. Aber das sollen sie bei einer Arbeitszeitverkürzung natürlich nicht.

Vollzeitarbeit ist nicht vereinbar

Moderne FamilieViele Frauen arbeiten (ob freiwillig oder nicht) Teilzeit. Wie sehen sie bzw. die Männer die Idee der 30-Stunden-Woche? Welche Auswirkungen hätte diese auf das aktuell bestehende Ungleichgewicht der Geschlechter?

Jörg Flecker: Die Erwerbsarbeit von Frauen besteht schon zu 45%, die der Frauen mit Kindern unter 15 Jahren zu über 70% aus Teilzeit. Teilzeit ist mit erheblichen Nachteilen bei Karriere, Einkommen und Alterssicherung verbunden, aber Vollzeiterwerbsarbeit bei uns nicht mit Sorge- und Pflegearbeit zu Hause vereinbar. Wenn es kaum mehr Teilzeit gibt, weil beide Geschlechter in kurzer Teilzeit arbeiten, fallen einige Gründe und Vorwände für Benachteiligungen weg. Derzeit ist es so, dass Frauen bei der Geburt eines Kindes aussteigen und dann in Teilzeit zurückkehren, die Männer aber ihre Arbeitszeit verlängern, wenn sie Väter werden. Und die Arbeitsteilung im Haushalt bleibt dann auf Dauer.

Konfliktfrei geht es freilich nicht

Dass 30 Stunden als Vollzeit zählen und auch bezahlt werden  – wie realistisch schätzen Sie dieses Ziel ein? Von welchem Zeitraum gehen Sie aus und vor allem wer muss handeln?

Lange ArbeitszeitJörg Flecker: Seit den 1970er Jahren, der Einführung der 40-Stunden-Woche, ist die Produktivität um über 50% gestiegen. Deshalb brauchen wir heute viel weniger Zeit, um die gleiche Menge an Produkten und Dienstleistungen herzustellen. Zugleich ist die Lohnquote, also der Anteil der Einkommen der Arbeitnehmer/innen am Volkseinkommen, zugunsten der Gewinneinkommen, deutlich gesunken. Der Reichtum ist in der Gesellschaft sehr ungleich verteilt. Es ist also Verteilungsmasse da. Aber es ist klar, dass so etwas nicht konfliktfrei abgeht. Die Arbeitnehmer/innen und ihre Gewerkschaften müssten also zu einem Verteilungskonflikt bereit sein. Durchsetzbar ist ein großer Schritt der Arbeitszeitverkürzung allerdings nur im europäischen Gleichklang, aber da kann Österreich mit seinen langen Arbeitszeiten schon einmal ein bisschen anfangen.

Welche Länder könnten Österreich hier als Vorbild dienen?

Jörg Flecker: Finnland hat bei den Vollzeitbeschäftigten deutlich kürzere Arbeitszeiten als Österreich, im Durchschnitt sind das 2,5 Stunden pro Woche, das summiert sich auf nicht weniger als etwa drei Wochen im Jahr. In Frankreich hat sich auch gezeigt, dass die tatsächlichen Arbeitszeiten sinken, wenn die gesetzliche Arbeitszeit reduziert wird. Aber dort wurde die 35-Stunden-Woche bald wieder verwässert, und die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten dort, die andere Ursachen haben, werden gern gegen die Arbeitszeitverkürzung ins Treffen geführt.

„Wenn sie könnten, wie sie wollen, würden die Jungen die Arbeitswelt verändern“

Welchen Einfluss haben die (begehrten) Jungen Ihrer Meinung nach auf den Arbeitsmarkt? Können immer mehr von Ihnen sich Gehalt und auch Arbeitszeit „aussuchen“ bzw. nach Wunsch verhandeln und so Einfluss auf die alten Strukturen haben?

Work-Life-BalanceJörg Flecker: Die Situation der Jungen ist widersprüchlich. Einerseits wollen sie ihr Leben nicht in dem Maße der Arbeit unterordnen, wie das frühere Generationen getan haben. Sie schauen auf eine bessere Balance von Arbeit und Leben. Andererseits ist es für die Jungen heute sehr schwer, ins Berufsleben einzusteigen, einen stabilen Job zu finden oder gar Karriere zu machen. Sie müssen also auch mehr Opfer erbringen. Aber wenn sie könnten, wie sie wollen, würden sie die Arbeitswelt verändern – und das zum Teil deutlich in Richtung einer besseren Ausgewogenheit und mehr Zeit zum Leben, zum Teil in die Richtung, dass die Arbeit selbst als das Leben gesehen wird – zumindest in einer bestimmten Phase.

Ein Schritt zu einem guten Leben

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft aber auch den einzelnen Arbeitnehmer hätte Ihrer Meinung nach die Reduktion der Arbeitszeit?

Jörg Flecker: Eine deutliche Verkürzung der Arbeitszeit würde Druck rausnehmen, würde Belastungen und auch Aggressionen reduzieren, würde mehr Zeit für gegenseitige Unterstützung und soziales wie politisches Engagement lassen. Sie würde der Gesundheit zweifach dienlich sein: Weniger Menschen würden durch zu lange Arbeitszeit krank werden, und wir hätten weniger Arbeitslosigkeit, die bekanntlich auch krank macht. Insgesamt also ein Schritt zu einem guten Leben, das wir uns in einem der reichsten Länder der Welt eigentlich leisten können sollten.

Zur Person: Jörg Flecker

Jörg Flecker hat Handelswissenschaft und Soziologie studiert, seit März 2013 ist er als Professor für Soziologie an der Universität Wien tätig. Flecker ist Vorsitzender des Vorstandes von FORBA, seine Schwerpunkte liegen auf den Gebieten Arbeitsorganisation, Arbeitsbeziehungen, Informationstechnik und Arbeit, Flexibilisierung und Internationalisierung.

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Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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