Statussymbol und Krankmacher

Eustress – Distress – Extreme stress… what’s next?

(colourbox)

Der Hypothalamus wird aktiviert, die Nebennieren schütten Adrenalin und Noradrenalin aus. Das Herz schlägt schneller, die Atemfrequenz steigt, der Muskeltonus erhöht sich, Fett- und Zuckerreserven werden angezapft, die Blutgerinnung nimmt zu. Gleichzeitig werden Verdauung und Immunabwehr gehemmt, um Kraft zu sparen.

Vom Eustress zum Distress

Schon der Vater der Stressforschung, Hans Selye (1907-1982), unterschied zwei Arten von Stress: den positiv wirkenden, lebensnotwendigen Eustress, der leistungsfördernd, aktivierend und anregend ist. Er steht für Herausforderung im positiven Sinn. Distress belastet hingegen unseren Körper, behindert das Denken, drückt auf unsere Stimmung, macht uns krank. Distress ist zuviel und zu lange andauernder, schädlicher Stress.

Nach Stress (lat.: stringere = anspannen) folgt unweigerlich eine Phase der Entspannung. Wird diese Entspannung unterbunden und die Stresssituation bleibt unvermindert und intensiv bestehen, dann begibt sich der Körper zunächst in die »Widerstandsphase« und schlussendlich in die »Erschöpfungs-Phase«. Flame-out. Burn-out!

Früher noch Inbegriff negativer Beanspruchung, wird Stress zunehmend ein hoch geschätztes Statussymbol. Wer nicht in Eile ist, wer nicht von einem Termin zum nächsten hetzt, wer also keinen Stress vorzuweisen hat, scheint in der heutigen Gesellschaft nicht viel wert zu sein. Stress verleiht seinem »Opfer« das Gefühl sozialer Wichtigkeit. Die Verallgemeinerung und inflationäre Verwendung des Begriffes »Stress« verdrängt allerdings die ernst zu nehmenden Gesundheitsfolgen und die Erkenntnisse der Stressforschung.

Steigender Druck

Die Arbeitswelt verändert sich laufend. 60% der Beschäftigten Österreichs sind bereits im Dienstleistungssektor tätig. Der Zeitdruck auf die/den Einzelne/n nimmt enorm zu und die Beschleunigung der Arbeitswelt erhöht den Leidensdruck auf das Individuum. Selbst der Schlaf wird zu einem knappen Gut.

Noch vor 100 Jahren schliefen die Menschen durchschnittlich neun Stunden pro Tag. In den Sechziger Jahren waren es noch acht Stunden. Heute kommen Erwachsene auf siebeneinhalb Stunden (Lauderdale et al., The Cardia Study, American Journal of Epidemiology, 2006). Die Zahl derer, die angeben, mit weniger auskommen zu müssen, steigt stetig.

Ein Vergleich der Krankenstandstage der letzten 15 Jahre (1991 bis 2006) zeigt eine Zunahme von 92% bei psychischen Erkrankungen, obwohl fast alle anderen Krankheitsursachen rückläufig sind. Seit dem Jahr 1991 sind laut Hauptverband der Sozialversicherungsträger dadurch zusätzlich 3.400 Mitarbeiter/innen ein Jahr lang aus dem Erwerbsleben ausgeschieden. Diese Zahlen gelten nicht nur für Österreich, sondern spiegeln eine globale Tendenz.

Die WHO sieht negativen Stress als größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. 18% der Österreicher/innen, also fast 1,5 Millionen, sind stark Burn-out gefährdet. 2,6 Millionen Arbeitstage gehen aufgrund von Stress in Österreich verloren, sagt die Burn-out-Studie von Friedl aus 2006, und 130 Milliarden Euro Verlust gehen in der EU laut dem deutschen Universitätsprofessor Rüdiger Trimpop in einem Vortrag 2008 auf das Konto von Burn-out.

Vom Distress zum Burn-out

Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger beobachtete bei ehrenamtlichen und ursprünglich begeisterten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen nach einiger Zeit eine Reihe charakteristischer Symptome: u.a. Erschöpfung, Müdigkeit und Reizbarkeit. 1974 prägt er den Begriff »Burn-out« und beschreibt deren vielfältige Symptomatik. Durch exzessive Anforderungen an den Energiehaushalt werden Kräfte und Ressourcen erschöpft. Stress ist der ideale Nährboden für Burn-out.

Es gibt aber auch Stress, der im Verborgenen entsteht, unbeachtet von sozialer Aufmerksamkeit. Dazu gehören Menschen, die sozial isoliert sind, unter Einsamkeit leiden; Menschen, die in der Schuldenfalle stecken, die arbeitslos sind. Dieser Stress wird nicht offen gezeigt und verbirgt sich unter einer dicken Decke von Depression. Erstmals aufgezeigt schon 1933 von Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel mit ihrer Studie »Die Arbeitslosen von Marienthal«.

Das Survivor Syndrom

Es gibt Stress, wie ihn Überlebende der Konzentrationslager, Überlebende von Naturkatastrophen, Unfällen und Terror-Anschlägen erleben. Sie alle leiden unter massivem Stress, traumatischen Ängsten und unter schweren Schuldgefühlen, überlebt zu haben. In der Literatur wird dieses Phänomen als »Survivor Syndrom« bezeichnet.

In Zeiten der Rezession sind Kündigungen ein probates und häufig angewandtes Mittel, um Kosten zu senken. Derzeit plant ein Drittel der Unternehmen Kündigungen von Vollzeit-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Diese Arbeitskolleginnen und -kollegen werden aber oft als Teil einer symbolischen Familie erlebt und häufig sind Freundschaften darunter, die Fixpunkte im sozialen Gefüge darstellen. Auch wenn der geschichtliche Hintergrund das »Überleben einer Kündigung« stark relativiert, der dabei ablaufende Mechanismus und das individuelle Erleben sind vergleichbar.

Bin ich denn etwas Besseres als mein bester Freund oder meine beste Freundin, verdiene ich es wirklich, »verschont« worden zu sein? Sind wir nicht beide gleich verantwortlich für das schlechte Ergebnis? Waren wir nicht beide gleich loyal? Neben diesen (unbewussten) Schuldgefühlen existiert zugleich die Angst, wie es mit dem Unternehmen weitergehen wird, welche Zukunft es denn hat und wie lange es noch dauert, bis das Aus für alle kommt.Misstrauen bestimmt das Arbeitsklima.

Stress! Dies bedeutet nicht nur ein hohes Maß an Leidensdruck, sondern auch eine massive Abnahme von Motivation, Engagement und Identifikation sowie die Zunahme von Fehlleistungen und Konzentrationsmängeln. Die Arbeitsleistung sinkt unweigerlich. Es ist Aufgabe eines verantwortungsvollen Managements, diese Problemfelder rechtzeitig zu erkennen, zu verstehen und konsequent gegenzusteuern.

Die WHO (2004) nennt zur Erhaltung psychischer Gesundheit eine Reihe sozialer Schutzfaktoren:

  • Positive interpersonelle Interaktionen
  • Soziale Partizipation
  • Soziale Verantwortung und Toleranz
  • Soziale Unterstützung und Gemeinschaftsnetze


Abschließend noch einige Tipps vom Experten. Stressmanagement und Burn-out-Prävention beginnt mit:

  • Das Unbehagen wahrnehmen und bewusst machen
  • Lösung des Problems als eigene Verantwortung anerkennen
  • Persönliche Stressfaktoren analysieren
  • Grenzen wahrnehmen und respektieren
  • Bewältigungsstrategien entwickeln
  • Konkrete Umsetzungsschritte planen und durchführen

Zur Person

Dr. Franz J. Schaudy ist Psychologe mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Tiefenpsychologie und seit mehr als einem Jahrzehnt als Management Coach, Managementbegleiter und Trainer in den Bereichen Personalentwicklung, Organisation und Strategie für HILL International tätig (www.hill-international.com).

Produkte
Recruitinglösungen

Stellenanzeigen schalten, Bewerberdatenbank durchsuchen, Arbeitgeberattraktivität unterstreichen

Nutzen Sie die unterschiedlichen Recruitinglösungen von karriere.at zur effizienten Bewerberansprache!

Profilsuche
Weitere Artikel aus diesem Bereich
Warum verdienen Frauen wen...

Geschlechtsspezifische Rollenbilder, Unvereinbarkeit von Familie und... » weiter lesen

Kündigung mit Silberstrei...

Die Rezession bringt auch in Österreich nun zweifellos markante... » weiter lesen

Trend: Outsourcing von Per...

Anforderungen und Aufgaben an Personalabteilungen unterliegen seit einigen... » weiter lesen

Bewusstsein für Innovatio...

Eine Horváth & Partners- Studie zeigt: Den meisten Managern ist bewusst,... » weiter lesen

Erfolgreiche Teams

Der Artikel thematisiert Teams – Zusammensetzung, Teamentwicklung etc... » weiter lesen

Online-Bewerbungen klar im...

Keiner belächelt heute mehr die Eco-Studie von... » weiter lesen